In der Pandemie entstanden, beruht Schmitts neuester Kurzfilm auf dem Gegensatz zwischen der Ruhe der Natur und einem Gefühl unterschwelligen Schreckens angesichts des Zustands der Welt.
Zu Beginn der Pandemie entstanden, stellt Lee Anne Schmitts neuester Kurzfilm die Ruhe der Natur dem Gefühl unterschwelligen Schreckens angesichts des Zustands der Welt gegenüber, auch wenn erstere wohl kaum immun gegen letzteres ist. Die üppigen Blätter, schlanken Stiele und Blüten in allen Formen und Farben, die wir durch runde und rechteckige Rahmen sehen, scheinen in vollkommener Harmonie mit dem sanften Klang des Windspiels zu sein, bis Schmitts Stimme die Ruhe bricht und von dem Entschluss erzählt, das Auto vollzupacken und wegzufahren. Die immer wiederkehrende Aufnahme eines Waldes mit langsam in der Lücke zwischen den Bäumen aufsteigenden Wolken. Nebel oder Rauch? „Nichts ist da, wo es sein soll.“
Auf dem Motorrad gegen das Patriarchat: Im ländlichen Nordwesten von Iran kämpft eine Kommunalpolitikerin für die Selbstbestimmung von Mädchen und Frauen in ihrer Gemeinde.
Die Proteste mit dem Slogan „Frau, Leben, Freiheit“ in Teheran und anderen Großstädten scheinen weit weg von dem Ort, an dem Sara lebt. Doch die Protagonistin dieses Films setzt sich in ihrer ländlichen Gemeinde im Nordwesten des Iran ganz alltagspraktisch für die gleichen feministischen Werte ein. Immer wieder werden wir in Bildern darauf zurückgeführt, dass ihr Vater sie einst – zum Unmut des Dorfes – das Motorradfahren lehrte. Ein kleiner Gefallen mit großer Wirkung: Für Sara ebnete er einen Weg jenseits der patriarchalen Ehe. Mobil auf zwei Rädern arbeitete sie als Hebamme und brachte zahlreiche Mädchen zur Welt, für die sie sich jetzt erneut stark machen will: Zu Beginn des Films und in der Mitte ihres Lebens entschließt sich Sara, als erste Frau in der Geschichte ihrer Kommune für den Gemeinderat zu kandidieren. Ein Schritt, der ihr einerseits begeisterte Unterstützung einbringt; andererseits muss sie offene Feindseligkeiten und eine Anhörung bei den Sittenwächtern der Islamischen Republik über sich ergehen lassen. Sara Khaki und Mohammadreza Eyni fangen in „Cutting Through Rocks“ diese Machtstrukturen und ihre individuelle Wirkung ebenso präzise ein wie Gesten der Solidarität und Selbstbestimmung.
Das Zusammenspiel zweier Künstler und ihrer Ausdrucksmittel: Zelluloidfilm und synthetisiertes Video. Ein psychedelischer, meditativer Zyklus von Transformationen in der Schwerelosigkeit des Lichts.
Eine Verbindung zweier Künstler und ihrer jeweiligen Medien: Zelluloidfilm und elektronisches Video. Stephen Beck, der seinen eigenen Videosynthesizer erfunden hatte, und der doppelt so alte Jordan Belson, ein berühmter abstrakter Filmemacher und Animationskünstler, arbeiteten zwei Jahre lang gemeinsam an dieser Reise durch Gedanken-, Mystik- und Formsphären. Zutiefst psychedelisch und doch so schwerelos wie Licht.
Ein packender dokumentarischer Thriller um eine Gruppe philippinischer Aktivisten, die illegale Rodungen im Regenwald verhindern, indem sie den Holzfällern die Kettensägen klauen.
Auf Palawan im philippinischen Inselarchipel fällt immer mehr Regenwald den Sägen zum Opfer. Die Rodungen sind zwar illegal, werden aber vom korrupten Regime unter Präsident Duterte gedeckt und sogar initiiert. Dagegen regt sich Widerstand vor Ort. Eine Gruppe mutiger Männer um einen resoluten Menschenrechtsanwalt entschließt sich zu reagieren. Sie schleichen in die Wälder, um den Rodungstrupps in unbeobachteten Momenten die Kettensägen, Autos und Boote abzunehmen. Der spannende, wie ein Thriller gebaute Film begleitet sie auf diesen gefährlichen Einsätzen, die sie „meta-legal“ nennen. Doch der Preis ist hoch: Einige Aktivisten bezahlen ihre Gegenwehr mit dem Leben.
Luc-Carolin Ziemann
Credits
Regie
Karl Malakunas
Kamera
Tom Bannigan
Schnitt
Michael Collins, Eric Daniel Metzgar
Produktion
Marty Syjuco, Michael Collins, Kara Magsanoc-Alikpala
Eine Gruppe von Vietnamkriegsveteranen macht sich 1970 zu einem langen Marsch auf, um die lokale Bevölkerung von dem Unrecht zu überzeugen, das in Vietnam seit Jahren geschieht.
Am 4. September 1970 macht sich eine Gruppe von Vietnamkriegsveteranen zu einem langen Marsch von Morristown, New Jersey, nach Valley Forge, Pennsylvania, auf. Ihr Ziel: auf ihrem Weg die lokale Bevölkerung von dem Unrecht zu überzeugen, das in Vietnam seit Jahren geschieht. Und dies nicht etwa nur mit Reden am Wegesrand, sondern in schockierenden Reenactments, die unangekündigt in der Öffentlichkeit stattfinden. Mitsamt Uniform und Plastik-Maschinengewehren, von Statist*innen unterstützt, verweisen sie so auf ihre eigenen Kriegsverbrechen in Indochina. Kamera und Tonbandgerät sind an all dem nah dran, schnappen die Reaktionen der Passant*innen und Städtebewohner*innen auf. Solidarität auf der einen, wüste Beschimpfungen auf der anderen Seite. Ein tiefer Graben zieht sich durch die „Heimatfront“.
Eine Manufaktur für katholische Heiligenfiguren in einer Großstadt nahe Manila, porträtiert als Mikrokosmos für ökonomische, soziale und religiöse Verhältnisse auf den Philippinen.
Wenn in diesem Film von der Zeit die Rede ist, „als St. Joseph kam“, geht es nicht um eine religiöse Erscheinung, sondern um das populärste Produkt der TML Holy Crafts Incorporated. In der Manufaktur auf den Philippinen, dem Land mit der drittgrößten katholischen Bevölkerung der Welt, fertigen die Beschäftigten in Handarbeit und unter ausbeuterischen Bedingungen Heiligenfiguren. Joseph Mangat porträtiert diesen Ort mit Fokus auf den Arbeitenden, darunter einige aus der LGBTQI-Community.
Schicht um Schicht wird in der ersten Szene eine Gipsbüste freigelegt. Mit diesem Bild ließe sich auch der Ansatz von „Divine Factory“ beschreiben: Vom Ladengeschäft bis zur Werkstatt, vom Unternehmer bis zur einfachen Arbeiterin, von der Herstellung bis zur Nutzung der religiösen Artikel macht der Film die sozialen und ökonomischen Facetten dieser Institution sichtbar. Dabei beobachtet der philippinische Regisseur nicht nur genau, wie dort gearbeitet und gehandelt wird, sondern verwickelt die Beteiligten auch in offene Gespräche über Liebe, Löhne und Lebensbedingungen. Das Modell einer profitorientierten Bezahlung der Angestellten offenbart die Verzahnung ökonomischer und religiöser Ideen. So erscheint der für alle wünschenswerte Erfolg des Unternehmens aus der Großstadt Antipolo nahe Manila nur mehr als göttlicher Segen.
Jan-Philipp Kohlmann
Credits
Regie
Joseph Mangat
Kamera
Albert Banzon
Schnitt
Ilsa Malsi, Joseph Mangat
Produktion
Alemberg Ang, Stefano Centini
Ton
Duu-Chih Tu
Filmvertrieb
Lya Li
Nominiert für:
FIPRESCI Preis,
Preis der Interreligiösen Jury
Wo sind Orte für LGBTQIA2S+-Kultur in Russland? Die AR-Erfahrung eröffnet der Drag-Szene einen digitalen Schutzraum, in dem sie performen kann, ohne Gewalt fürchten zu müssen.
Die LGBTQIA2S+-Community in Russland trifft auf ein zunehmend feindliches gesellschaftliches Klima, wird tabuisiert und kriminalisiert. Die AR-Erfahrung eröffnet der lokalen Drag-Szene einen digitalen Schutzraum, in dem sie performen kann, ohne Gewalt fürchten zu müssen. Diese künstlerische Inbesitznahme heteronormativ dominierter Orte ist zugleich politische Intervention.
Ursprünglich als Anti-Drogen-Film produziert ist Lehmans Film ein psychedelischer Ritt durch leuchtende Farben und Pop-Art-Bilder – alles miteinander verschmolzen durch den Scanimate-Videosynthesizer.
Ursprünglich als Anti-Drogen-Werbespot für das Lokalfernsehen konzipiert, nimmt uns dieser 60-Sekünder stattdessen mit auf eine rauschhafte Reise durch fluoreszierende Farben und Pop-Art-Motive, die mithilfe des Scanimate-Videosynthesizers miteinander verschmelzen. Dieses Frühwerk von Pat Lehman avancierte zu ihrem größten Erfolg: Der Film wurde in Cannes gezeigt.
Sykes verwandelt Abstraktes in Vertrautes, indem sie die rohen Farben und Formen des Sandin Image Processors zu Figuren verformt, die einem uralten Unterbewusstsein zu entstammen scheinen.
Barbara Sykes, eine Meisterin elektronischer Bildproduktion, verwandelt trickreich das Abstrakte ins Vertraute. Sie krümmt und verzerrt die rohen Farben und Formen aus dem Sandin Image Processor und schafft so eine Serie von Bildern, die aus einem urzeitlichen Unterbewusstsein zu stammen scheinen. Eng mit seinem perkussiven Soundtrack verzahnt, ist der Film ein pulsierendes Experiment in visueller Musik.
Wie wirkt sich die Klimakrise auf die Psyche aus? Wie weiterleben in der Katastrophe? Ein persönlicher Essay über „Climate Anxiety“, Schuld-Wut-Spiralen und radikale Selbstfürsorge.
Hitzeperioden, schmelzende Polkappen, steigende Meeresspiegel, massenhaftes Artensterben. Die Klimakrise bedroht das Leben auf der Erde und gleichzeitig unseren Seelenfrieden. Denn wer sich bewusst macht, wo wir stehen, kann nur noch schwer ruhig schlafen. Auch Sindha Agha leidet unter „Climate Anxiety“, der alles überwältigenden Angst vor den Folgen des Klimanotstands, und sucht eine Klimapsychologin auf, um zu lernen, damit zurechtzukommen. Das filmische Porträt zeigt, wie sie – stellvertretend für unzählige andere – zwischen Panik, Hilflosigkeit, Schuld und Wut hin und her geworfen wird und dennoch Wege findet, die Schockstarre zu überwinden, um aktiv gegen die Klimakrise angehen zu können.
Ein autobiografischer Blick auf das Erbe des berüchtigten amerikanischen Chemiekonzern Olin Corporation, der mit seinen Gewinnen rassistische, klassistische neokonservative Bewegungen finanzierte.
Lee Anne Schmitts formidabler vierter Langfilm ist ein Bericht zur Lage der USA und ihrer Vorgeschichte, der kaum gründlicher, pointierter, verstörender und faszinierender hätte ausfallen können. Ihr Ausgangspunkt ist persönlich: die Arbeit des Vaters für den berüchtigten amerikanischen Chemiekonzern Olin Corporation. Die Puppen, die er ihr von Geschäftsreisen schickte, bilden eines der Leitmotive dieser etwas anderen Unternehmensgeschichte. Während Olin im ganzen Land die Umwelt zerstörte, sorgte eine Firmenstiftung mit ihren tiefen Taschen für den enormen Aufstieg der rassistischen, klassistischen neokonservativen Bewegung. Wichtige Orte, Archivmaterial, Zitate in Zwischentiteln, Aufnahmen einschlägiger Literatur und Fetzen aus dem Familienleben: die Bausteine einer umfassenden politischen Abrechnung.
Die letzte Silbe auf den Lippen eines Sterbenden ist „da“. Koji Yamamura übersetzt eine Kurzgeschichte des Autors Hideo Furukawa in einen spannungsvollen und hoch dynamischen Film.
Das Leben ist kurz, extrem kurz. Die Zeit zwischen Geburt und Tod scheint zu verfliegen. Ein Fingerschnipp – und schon ist alles vorbei. Die letzten Sekunden reichen gerade aus, um die Silbe „da“ auszusprechen. Genau diese Silbe, ausgehaucht mit dem letzten Atem eines Sterbenden, wird von einem Mann aufgeschnappt, der in den Straßen Tokios nach dem kürzesten aller Dinge sucht. Die Silbe wirbelt durch seine Gedanken und löst eine Suada voller Überlegungen zur japanischen Sprache aus, in die er sich zunehmend hineinsteigert. Die „da“-Wörter fliegen uns in dadaistischer Manier wie Noten im Jazz um die Ohren. Kräftige Tuschezeichnungen bewegen sich mal fließend, mal explosiv über den weißen Hintergrund. Ein letztes „da“ vollendet die Betrachtung und bringt zum Stillstand, was zuvor energisch kreisend und vibrierend das Bild dominierte. Der Sterbende schließt die Augen. Doch nach dem Ende folgt ein neuer Anfang. „Extremely Short“ bildet den Auftakt der Reihe „Bungaku Bideo“ – Literaturvideos –, die im Auftrag der Yanai Initiative zeitgenössische japanische Literatur und internationale Animationskunst zu innovativen Komplizinnen macht. Hier begegnet Koji Yamamura einem Prosatext von Hideo Furukawa, lauscht dem vom Autor selbst gelesenen Monolog und übersetzt dessen Sprachfuror in eine aufregende visuelle Form.
Tochter, Mutter und Großmutter im Covid-Lockdown in New York. Drei Originale auf engstem Raum liefern sich ehrliche Auseinandersetzungen und aberwitzige Wortgefechte. Köstlich!
Man nehme: drei Generationen von Frauen im Covid-Lockdown in New York, genug Weißwein, Wodka und Zeit, um die wirklich wichtigen Themen zu besprechen. Dana Reilly macht aus den Einschränkungen der Pandemie das Beste und filmt, was passiert, als Mutter Janet und die neunzigjährige Großmutter Sylvia beschließen zusammenzuziehen. Heraus kommt eine witzige, gleichzeitig liebevoll raue Hommage an zwei starke Persönlichkeiten, ihre nicht unkomplizierte Nähe und völlig unterschiedliche Lebenswelten.
In Südkalifornien wachsen Dattelpalmen aus dem Nahen Osten, werden Märchen aus Tausendundeiner Nacht erzählt und erwartet man einen Vulkanausbruch. Ein Dokument von betörender Simultanität.
Keine einzige Wolke scheint jemals über diesen Himmel zu gleiten, pausenlos schickt die Sonne ihre kraftvollen Strahlen gen Erde. Hier, im Süden Kaliforniens, wo die San-Andreas-Verwerfung für eine unverkennbare Topografie sorgt und unterhalb des kargen Bodens unsichtbare Wasserströme fließen, gedeihen Dattelpalmen am besten: die Füße im Wasser, den Kopf im Feuer. Terra Long hat sich umgesehen, hat der Geschichte der Pflanzen, die ursprünglich aus dem Nahen Osten nach Nordamerika kamen, nachgespürt und jene Paraden und Festlichkeiten besucht, die der zuckersüßen Frucht gewidmet sind. Schicht um Schicht konstruiert sie so eine ganz eigene Perspektive auf Landschaft und Menschen, übersetzt ihre haptischen Eindrücke in prächtige 16mm-Aufnahmen und entwirft eine komplexe Tonspur.
Long gelingt es, Vergangenes und Gegenwärtiges zusammenzuführen und ein konzises, gleichsam sinnliches Extrakt zu erzeugen. In ihm spielt die aufwendige Handbestäubung der Dattelpalmen genauso eine Rolle wie das kollabierte Ökosystem des Saltonsees, archivierte Kleider von Tausendundeine-Nacht-Schönheitsköniginnen und Interviews, die nur mehr Historisches bezeugen, genauso wie ältliche weiße Ehepaare, die durch ihre Pools treiben und über die Rasenflächen von Golfanlagen spazieren. „Feet in Water, Head on Fire“ ist ein Dokument der Simultanität, das von der ersten bis zur letzten Minute betört.
Ein Schlagpendel schreibt direkt auf die Filmtonspur und produziert so analoge elektronische Bleeps und Bits. In farbig wechselndem Licht verändern Schatten ihre Gestalt.
Die Whitney-Brüder sind Pioniere der abstrakten Animation. 1943/1944 experimentierten sie in fünf Filmetüden mit modernistischen Formen und einem eigenen Apparat, der mittels Schlagpendel direkt auf die Filmtonspur schrieb. Zu den so entstandenen analogen elektronischen Bleeps und Bits bewegen sich in farbig wechselndem Gegenlicht Schablonen im Raum. Ihre Schatten verändern ihre geometrische Gestalt.
Sandin stellt seinen Image Processor (IP) vor, einen von ihm erfundenen modularen Videosynthesizer. Er spricht über das Design und demonstriert einige seiner halluzinogenen Farben und Effekte.
Der Videokünstler und studierte Physiker Dan Sandin nimmt die Zuschauer*innen auf eine kurze Tour durch den Sandin Image Processor (IP) mit, einen von ihm erfundenen modularen Synthesizer. Was als ernsthafte technische Geräteeinführung beginnt, driftet allmählich ab in ein visuelles Farb- und Effektexperiment, während Dan Sandin, eine Art katholischen Kardinalshut auf dem Kopf, sich weiter um Konzentration bemüht.