Selbst im Tod wird man die Bürokratie nicht los! Im Tagesgeschäft eines Warschauer Bestattungsinstituts versinkt die Trauer in Papierkram, Routine und Trivialität.
Von Krzysztof Kieślowski wird behauptet, er habe sich nicht als politischen Filmemacher verstanden. Mindestens dieser frühe Dokumentarfilm erlaubt, das zu bezweifeln, denn er erzählt vom kalten Würgegriff der Bürokratie. Schauplatz ist ein städtisches Bestattungsinstitut in Warschau. Telefonate werden geführt, Dokumente geprüft und gestempelt. Der Betrieb läuft wie geschmiert, von der Wiege bis zur Bahre. Leipzig hielt selbstverständlich Verbindungen zu älteren polnischen Dokumentaristen wie Jerzy Bossak, auch nach dessen Übersiedlung nach Dänemark. Dass Kieślowski und andere namhafte polnische Filmkünstler seiner Generation in der Programmauswahl vor 1990 nicht auftauchten, passt in das hier entworfene Bild vom Leben, das in Kleinlichkeit vergeht. Es ging wohl um Animositäten mit dem Festival in Krakau.
Über lustvoll freidrehende Performances und inhaltliche Kontroversen entwickelt das Teatr 21, bestehend aus Spielbegeisterten mit Downsyndrom, eine Idee der ersehnten Autonomie.
Inspiriert von einer politischen Protestbewegung erarbeitet das Teatr 21 – ein Theaterensemble aus Spielbegeisterten mit Downsyndrom – ein Stück, in dem die Beteiligten ihre Wünsche und Forderungen artikulieren und sich zugleich mit großer Lust der kreativen Entfaltung hingeben können. Aufmerksam begleitet Martyna Peszko den Entstehungsprozess in produktiv wuseliger Probenatmosphäre, musikalisch akzentuiert durch die Improvisationen eines Free-Jazz-Trios.
2018 besetzen Menschen mit Behinderung für vierzig Tage das Regierungsgebäude in Warschau, um für mehr Unterstützung und Anerkennung zu demonstrieren. Politisch bleibt die Aktion weitgehend folgenlos, doch immerhin: Der revolutionäre Funke springt auf die Öffentlichkeit über. Das Projekt des Teatr 21 greift die Ereignisse auf, schöpft aus der Enttäuschung über den gescheiterten Aufstand. Das bringt auch künstlerisch-handwerkliche Diskussionen mit sich: Was bedeutet professionelles Schauspiel? Was hat Nacktheit mit Revolution zu tun? Und wozu muss man bei Liedern eigentlich immer die Texte verstehen? Beim Ausloten des Verhältnisses von Performance und Politik erobern sie sich eine Autonomie zurück, die ihnen im Alltag oft verwehrt bleibt: über die eigenen Körper, die eigenen Geschichten. Bühnenregie und -dramaturgie bilden dafür einen unaufdringlich klugen Rahmen. Peszkos besonnen beobachtender Werkstattbericht führt dies fort.
Carolin Weidner
Credits
Regie
Martyna Peszko
Buch
Martyna Peszko
Kamera
Magda Mosiewicz
Schnitt
Olga Kalagate
Produktion
Justyna Sobczyk
Co-Produktion
Katarzyna Tymusz
Ton
Adam Buka, Martyna Peszko, Konrad Wosik
Musik
Zespol Pokusa
Filmvertrieb
Katarzyna Wilk
Nominiert für:
Young Eyes Film Award,
MDR-Filmpreis,
Filmpreis Leipziger Ring