Filmarchiv

Panorama: Mittel- und Osteuropa 2024

A Year in the Life of the Country

Tomasz Wolski
Das exklusive Found-Footage-Material aus den frühen Achtzigerjahren zeigt ein Polen, das unter dem Kriegsrecht ächzt. Es zeigt zugleich ein Polen, in dem die Solidarność dabei ist, zu entstehen.
Filmstill A Year in the Life of the Country
Filmstill A Year in the Life of the Country

A Year in the Life of the Country

Rok z życia kraju
Tomasz Wolski
Panorama: Mittel- und Osteuropa 2024
Dokumentarfilm
Polen
2024
85 Minuten
Polnisch,
Englisch
Untertitel: 
Englisch
Anfang der 1980er Jahre befindet sich Polen im Ausnahmezustand. Die Demokratiebewegung im Land, repräsentiert durch die freie Gewerkschaft Solidarność, soll unterbunden werden. Dazu verhängt Präsident Wojciech Jaruzelski am 13. Dezember 1981 das Kriegsrecht. In heimlicher Absprache mit der Sowjetunion inszeniert man eine Drohkulisse, um den „stan wojenny“ zu rechtfertigen. Westliche Nationen wie Großbritannien und die USA belegen den Ostblockstaat daraufhin mit Wirtschaftssanktionen. Ein komplexes Spannungsfeld entsteht, in dem sich die polnische Bevölkerung einerseits mit existenziellen Engpässen konfrontiert sieht, anderseits den Kampf im Untergrund fortführt – Ausgangssperren, überwachten Telefongesprächen und einem militärisch kontrollierten Mediensystem zum Trotz.
Tomasz Wolski führt in seinem Found-Footage-Film Brisantes, Alltägliches und Ikonisches zusammen und gewährt damit Einblick in eine ebenso absurde wie gefährliche Situation. Die überaus dynamische (und musikalische) Montage verdeutlicht die rasche und verworrene Abfolge der Ereignisse, mischt sich zugleich kommentierend ein und beweist nicht selten Humor. Einem nicht immer souveränen britischen Nachrichtenkorrespondenten verhilft Wolski etwa zu nachträglichem Ruhm: „Am grundlegendsten ist die … Warten Sie, Entschuldigung, Entschuldigung, könnten Sie … Fotografieren und Filmen werden weitgehend kontrolliert …“
Carolin Weidner

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Tomasz Wolski
Buch
Tomasz Wolski
Kamera
Tomasz Wolski
Schnitt
Tomasz Wolski
Produktion
Anna Gawlita
Ton
Marcin Lenarczyk
Musik
Jerzy Rogiewicz
Nominiert für: Filmpreis Leipziger Ring, MDR-Filmpreis
Filmstill Duck Broth

Duck Broth

Rosół z kaczki
Maria Dakszewicz
Internationaler Wettbewerb Animationsfilm 2024
Animationsfilm
Polen
2024
5 Minuten
Polnisch
Untertitel: 
Englisch
Tunnelblick, Augenringe und Atemlosigkeit – gegen die Spuren eines erschöpfenden Streifzugs durch die Nacht hilft ein warmes Bad. Wäre da nicht die kleine Badeente. In deiner halluzinierenden Müdigkeit fängt sie an, dich auszufragen. Deine zerbröselten Erinnerungen kommen Stück für Stück zurück und werden mit Vorwürfen gespickt. Das Gespräch entgleitet, hin zu einer überdrehten, dunkel-poetischen Klage über den Schmutz der durchlebten Nacht.
Maria Dakszewicz erfindet nicht nur äußerst originelle und treffende Sprachbilder, in denen „Schweißperlen wie Dönerfett“ auf dem Badewasser treiben. Auch ihre aquarell-fleckigen Zeichnungen mit groben schwarzen Strichen holen den Geschmack, den Geruch und die Schäbigkeit der auf dem Heimweg besuchten Imbissstuben in das vermeintlich reinigende häusliche Hygiene-Idyll. Ein schwarzhumoriger Hangover, bei dem du dir die Wanne mit dir selbst teilen musst.
André Eckardt

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Regie
Maria Dakszewicz
Buch
Maria Dakszewicz
Produktion
Agata Golańska
Sound Design
Jakub Krzyszpin
Musik
Maria Dakszewicz
Animation
Maria Dakszewicz
Produktionsfirma
Katarzyna Lipińska
Nominiert für: mephisto 97.6-Publikumspreis
Filmstill Flowers of Ukraine

Flowers of Ukraine

Kwiaty Ukrainy
Adelina Borets
Internationaler Wettbewerb Dokumentarfilm 2024
Dokumentarfilm
Polen,
Ukraine
2024
70 Minuten
Ukrainisch
Untertitel: 
Englisch
Umgeben von Hochhäusern, hat Natalia sich ihr gar nicht mal so kleines Paradies geschaffen: Ziegen laufen frei herum, Stauden und Obstbäume blühen, die Hühner legen fleißig Eier. Wiederholte Versuche, ihr die Fläche abzukaufen, werden von Natalia brüsk verlacht. Und auch, als im winterlichen Februar 2022 Stadt und Land von Russland angegriffen werden, bewahrt sie sich eine scheinbar sorglose Widerständigkeit: Während nachts ringsherum alle Lichter ausgehen, leuchtet Natalias Haus warm und behaglich. Lediglich Kitty, mit dem sie zusammenlebt, äußert Bedenken, kümmert sich um seine Flucht aus der Ukraine und zeigt prophylaktisch, wo es im Falle eines Bombenangriffs am sichersten wäre.
Adelina Borets’ Porträt einer Unbestechlichen findet seinen ganz eigenen Tonfall, zeigt einen einfachen Alltag über die Jahreszeiten hinweg, der sich trotz schlimmer werdender Lage selbstbestimmt und lebensfroh präsentiert. Borets nimmt Natalias Art dabei wie selbstverständlich auf, schenkt ihr Raum. Die Dimension des Krieges erschließt sich schrittweise, in Natalias eigenem Tempo, sowie durch geschickte Schnitte und Schwenks. „Flowers of Ukraine“ ist ein Film über eine Katastrophe. Aber er ist genauso ein Liebeslied an das Leben – und eingeweckte Tomaten.
Carolin Weidner

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Regie
Adelina Borets
Buch
Adelina Borets, Marta Molfar, Glib Lukianets
Kamera
Bohdan Rozumnyi, Bohdan Borysenko
Schnitt
Agata Cierniak, Mateusz Wojtynski, Ganna Iaroshevych
Produktion
Natalia Grzegorzek, Glib Lukianets
Co-Produktion
Jedrzej Sablinski, Rafal Golis
Ton
Denys Kashchei
Sound Design
Oleg Kulchytskyi, Volodymyr Dubas
Nominiert für: FIPRESCI Preis, Preis der Interreligiösen Jury, Filmpreis Leipziger Ring, Silberne Taube, MDR-Filmpreis
Doc Alliance Award 2024

In Limbo

Alina Maksimenko
Ukraine, Februar 2022. Die Filmemacherin flieht zu ihren Eltern an den Stadtrand von Kyjiw. Dort leben sie in einem unerträglichen Zwischenzustand, dem etwas Selbstzerstörerisches innewohnt.
Filmstill In Limbo
Filmstill In Limbo

In Limbo

W zawieszeniu
Alina Maksimenko
Doc Alliance Award 2024
Dokumentarfilm
Polen
2024
71 Minuten
Russisch,
Ukrainisch
Untertitel: 
Englisch
Februar 2022, der Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. Als die Gefechte näher kommen, flieht Regisseurin Alina Maksimenko aus der Kreisstadt Irpin nordwestlich von Kyjiw aufs Land zu ihren Eltern. Sie strandet dort, mit Katze und Kamera. Noch weiter weg müsste man gehen, bis hinter die Grenze, um wirklich sicher zu sein, drängt die Tochter. Dennoch beschließen sie zu bleiben – einerseits in der Hoffnung auf eine Beruhigung der Lage, andererseits im Vertrauen auf die Abgeschiedenheit ihres dörflichen Refugiums.
Die drei harren in dem sich immer weiter leerenden Örtchen aus. Angst macht sich breit, Müdigkeit. Die Eltern weigern sich, an ihren gewohnten Verrichtungen etwas zu verändern. Es ist ein unerträglicher Zwischenzustand, dem etwas Selbstzerstörerisches innewohnt. Sie versuchen, so gut es geht, am Alltag festzuhalten. Vater Tolja kümmert sich um die Tiere der Nachbarschaft, Dutzende zurückgelassene Katzen sammeln sich Tag für Tag an der Haustür. Währenddessen gibt Mutter Tetjana durchs Telefon Klavierunterricht, falls das Netz nicht wieder ausfällt. Und Alina, die Tochter, macht einen Film. Sie interessiert sich nicht für das Kampfgeschehen. Ihre Dokumentation dieser ersten Kriegswochen ist vielmehr ein minutiöses Porträt des Wartens. Der Blick richtet sich auf einen Mikrokosmos, in dem das Überleben infrage steht und der dadurch universell wird.
Lina Dinkla

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Alina Maksimenko
Buch
Alina Maksimenko
Kamera
Alina Maksimenko
Schnitt
Feliks Mamczur
Produktion
Katarzyna Madaj-Kozłowska
Ton
Joanna Napieralska, Siergyi Chegodayev
Sound Design
Joanna Napieralska
Musik
Vladimir Tarasov
Nominiert für: MDR-Filmpreis
DOK Neuland 2024

Minitourism

Jan Grabowski
Die Sphinx, das alte Rom und der Eiffelturm an einem Tag? Der 360°-Film spielt mit unseren Maßstäben und setzt sich mit unseren Ideen der Welterschaffung und der virtuellen Realität auseinander.
2023
Filmstill Minitourism
Filmstill Minitourism

Minitourism

Minituryzm
Jan Grabowski
DOK Neuland 2024
XR
Polen
2023
8 Minuten
Polnisch
Untertitel: 
Englisch
Zur Sphinx, ins alte Rom, zum Eiffelturm – an nur einem Tag! Dieser 360°-Film führt uns in einen Miniaturpark und macht uns mit dessen Baumeister, dem Schöpfer, bekannt. „Minitourism“ irritiert den Sinn für Größenverhältnisse und setzt sich mit Ideen des Weltenbaus sowie Virtual Reality als Medium auseinander. Spielerisch und zugleich kontemplativ kommen wir ins Nachdenken über unsere eigenen Weltkonstruktionen.
Dana Melaver

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Jan Grabowski
Schnitt
Jan Grabowski
Produktion
Jan Grabowski
Ton
Zuzanna Kofta, Jan Piasecki
Konzept
Jan Grabowski
Key Collaborator
Robert Gadziński, Zofka Kofta
Retrospektive 2024

Refrain

Krzysztof Kieślowski
Selbst im Tod wird man die Bürokratie nicht los! Im Tagesgeschäft eines Warschauer Bestattungsinstituts versinkt die Trauer in Papierkram, Routine und Trivialität.
Filmstill Refrain
Filmstill Refrain

Refrain

Refren
Krzysztof Kieślowski
Retrospektive 2024
Dokumentarfilm
Polen
1972
11 Minuten
Polnisch
Untertitel: 
Englisch
Von Krzysztof Kieślowski wird behauptet, er habe sich nicht als politischen Filmemacher verstanden. Mindestens dieser frühe Dokumentarfilm erlaubt, das zu bezweifeln, denn er erzählt vom kalten Würgegriff der Bürokratie. Schauplatz ist ein städtisches Bestattungsinstitut in Warschau. Telefonate werden geführt, Dokumente geprüft und gestempelt. Der Betrieb läuft wie geschmiert, von der Wiege bis zur Bahre.
Leipzig hielt selbstverständlich Verbindungen zu älteren polnischen Dokumentaristen wie Jerzy Bossak, auch nach dessen Übersiedlung nach Dänemark. Dass Kieślowski und andere namhafte polnische Filmkünstler seiner Generation in der Programmauswahl vor 1990 nicht auftauchten, passt in das hier entworfene Bild vom Leben, das in Kleinlichkeit vergeht. Es ging wohl um Animositäten mit dem Festival in Krakau.
Sylvia Görke

Credits DOK Leipzig Logo

Regie
Krzysztof Kieślowski
Kamera
Witold Stok
Schnitt
Maryla Czolnik
Produktion
Wytwórnia Filmów Dokumentalnych
Ton
Michał Żarnecki, Małgorzata Jaworska