Ein Film über das Feststecken im Kreislauf häuslicher Gewalt. Mit beklemmenden Animationen, die immer wieder ausradieren, was war, ohne es jedoch unsichtbar zu machen.
Der Kreislauf häuslicher Gewalt: Spannung, Eskalation, Reue und dann wieder von vorn. Der Frau in Izabela Plucińskas Film ergeht es so wie vielen Betroffenen: Sie schafft den Ausbruch nicht. 98 Kilogramm wiegen die metaphorischen Hanteln, die sie dafür stemmen müsste – und auch der Mann, der ihr das antut. Ihr bleibt nur, sich aufzulösen, abzutauchen und stumm in ihre Einzelteile zu atmen. Die Animationen radieren sich immer wieder aus, und trotzdem bleiben schmerzhafte Spuren zurück.
Romantisch ist das Landleben, wie es Karol Pałka zeigt, nur bedingt: zwei Frauen, ein marodes Haus, die Erde nass, die Kleidung schmutzig. Ein eigenwilliger Besuch in der Einöde.
deutsche Untertitel für Menschen mit eingeschränkter Hörfähigkeit, Englisch
Danusia und Basia sind Mutter und Tochter. Und sie bestreiten das Leben, welches Regisseur Karol Pałka als ein ultimativ abgeschiedenes präsentiert, gemeinsam. Fernab jeglichen Komforts vergehen die Jahreszeiten, kommt ein Geistlicher zu Besuch, waten die Frauen im Schlamm und halten an ihren Gewohnheiten fest. Doch Basia bewegt sich, unbeobachtet von Danusia, auf eigenen Nebenstraßen, die in andere Richtungen weisen.
Die nächste Stadt scheint Lichtjahre entfernt. Zurückgezogen leben Danusia und ihre Tochter Basia in einem maroden Haus auf dem Land. Die Wohnräume sind mit Blumenarrangements geschmückt, dazwischen immer wieder Devotionalien. Mutter und Tochter pflegen ihre Verbindung zum Übernatürlichen, sei es in Form eines strengen Katholizismus oder kleiner Rituale in der Natur. In einer Szene etwa tanzt Basia wie eine Hexe um ein Feuer. Sie ist es auch, die wiederholt den Kontakt zur Außenwelt sucht. Dann sehen wir sie mit einem Handy. Die Person am anderen Ende bleibt jedoch ungreifbar, kann oder will den Bann, der um das Mutter-Tochter-Gespann liegt, nicht überschreiten. Es ist eine dichte, gleichsam verlassene Welt, die Karol Pałka in seinem Debüt in düsteren, verschatteten Bildern inszeniert. Erst mit Einsetzen des Frühlings hellen sie auf. Doch selbst dann hallt das dramatische Eröffnungsstück, „Specially for You“ der ukrainischen Band DakhaBrakha, noch nach.
Dieser wilde, fantasievolle Thriller in analoger Cutout-Technik bietet – in bester polnischer Animationsfilmtradition der Filmschule in Łódź – viel Raum für Interpretation.
Spuckende Ponys, ein verfluchter TV-Reporter und ein haariger Riese, der liebevoll von seiner brünetten Freundin gekämmt wird, während sie unerklärliche Ängste um den eigenen Fuß entwickelt. Diesen wird sie später buchstäblich abschießen – den Fuß, nicht den Freund! Ein gesichtsloser Mann ist auch da – der handelt in Allianz mit den Ponys. Dieser bunte, ominöse Animationsthriller in analoger Cutout-Technik verhandelt Angstzustände, masochistische Kämpfe und Medienkritik. Vielleicht.
Eine komplexe Verhandlung von Vergänglichkeit, Leben und Tod, geschaffen mit minimalistischen Mitteln und in animierter Form. Atmosphärisch, subtil und zugleich apokalyptisch.
Ein komplexes, atmosphärisches Universum hat Marta Pajek (digital) geschaffen – mit minimalistischen Mitteln und doch reich an Details. Referenzen auf die Zeitgeschichte treffen auf die Visionen einer erst geahnten, dystopischen Zukunft. Auf subtile, trotzdem fast brutale Weise wird uns die (eigene) Vergänglichkeit vor Augen geführt. Alternde Körper, alternde Ideen. Die Grande Dame des polnischen Films, Schauspielerin Anna Polony, singt zum Schluss: „… wann wird man je verstehen?“
Witali und Łukasz haben das orthodoxe Seminar absolviert. Um Priester zu werden, müssen sie heiraten. Doch leben sie lieber in ihrer unorthodoxen Wohngemeinschaft in den Tag hinein.
Witali und Łukasz haben das orthodoxe Seminar absolviert. Um das Priesteramt anzutreten, müssen sie eine Familie gründen oder Mönch werden. Doch die beiden Freunde leben lieber in den Tag hinein, sinnieren, philosophieren und singen. Voller Empathie schaut die Kamera zu, gibt den beiden Männern Raum und Zeit, sich ihrer Situation zu stellen. Ein beobachtender Dokumentarfilm wird zum Thriller: Kann die zärtliche Freundschaft den religiösen Verpflichtungen, den Erwartungen der Familie standhalten?
Anke Leweke
Credits
Regie
Monika Proba
Buch
Monika Proba
Kamera
Zvika Gregory Portnoy
Schnitt
Adriana Fernández Castellanos, Monika Proba
Produktion
Ewa Jastrzebska, Jerzy Kapuscinski, Magdalena Borowiec, Tatiana Matysiak, Daria Zienowicz
Der Alltagstrott im Leben eines jungen Paares: aufstehen, Suppe essen, Tagträume … Surreale, animierte Fotocollagen und elektroakustische Klänge kehren das Innere nach außen.
Der Alltagstrott im Leben eines jungen Paares: aufstehen, Mitesser ausdrücken, Suppe essen, Tagträume … Zbigniew Rybczyński überarbeitet reale Bilder und kreiert surreale Collagen, um visuell das Innere nach außen zu kehren. Er wird dabei vom polnischen Komponisten Eugeniusz Rudnik unterstützt, dessen großer elektroakustischer Ideenreichtum spielerisch zwischen Naturalismus und Verfremdung wechselt.
Paweł Łoziński stellte zwei Jahre lang seine Kamera auf dem Balkon auf und kam von dort oben mit den Menschen ins Gespräch, die vorbeigingen. Eine faszinierende Versuchsanordnung.
Die ganze Welt, eingefangen auf einem etwas tristen Gehweg in Warschau. Regisseur Paweł Łoziński stellte sich zwei Jahre lang mit der Kamera auf den Balkon seiner Wohnung und beobachtete von dort oben die Menschen, die unten vorbeigingen. Jene, die er sah und zum Reden brachte, sind jung und alt, Nachbarn oder einfach Passanten. Der Filmemacher spricht sie an, stellt Fragen, hört zu und schafft einen Raum für Gespräche, wie es sie zwischen Unbekannten selten gibt.
Wie reagieren Vorbeigehende, wenn sie vom Balkon aus gefilmt und von oben herab angesprochen, aufgehalten werden? Gehen sie kopfschüttelnd weiter? Oder lassen sie sich auf den Dialog ein? Dieser Ort und diese herbeigeführte Gelegenheit scheinen perfekt zu sein, um einen Film zu drehen, der seine eigenen Prämissen reflektiert. Denn offenbar haben Menschen ein ziemlich großes Bedürfnis, aus dieser ungewöhnlichen Position heraus von sich zu erzählen. Ob in Eile oder schlendernd, fröhlich oder nachdenklich, posierend oder ganz natürlich: Alle zufällig ins Blickfeld geratenden Beteiligten offenbaren etwas Besonderes. Jede Begegnung, so ungeplant sie ist, entpuppt sich als einzigartig. Manche Erwartung an einen bestimmten Typ Mensch wird enttäuscht, denn in Schubladen lässt sich kaum jemand stecken. Łozińskis Versuchsanordnung lädt zum Innehalten ein, zum Warten, bis die Welt in den Kamerawinkel tritt.
Lina Dinkla
Credits
Regie
Paweł Łoziński
Buch
Paweł Łoziński
Kamera
Paweł Łoziński
Schnitt
Paweł Łoziński, Piasek & Wójcik
Produktion
Paweł Łoziński, Agnieszka Mankiewicz, Izabela Lopuch