Seefahrer Abel Tasman kehrt zurück, um neues Land für niederländische Klimaflüchtlinge zu erobern. Zwischen Satire und Kritik entspinnt sich ein collagenartiges Narrativ über Kolonialgeschichte.
In einem Museum der Zukunft sind historische und imaginierte Objekte, Pop-up-Werbung und Easter Eggs ausgestellt, aus denen extravagant-sardonisch die Kolonialmaschinerie hervorgrinst. Das Gemälde in der Mitte zeigt den Entdecker Abel Tasman, der aus dem 17. Jahrhundert zurückkehrte, um Neuland für niederländische Klimaflüchtlinge zu kolonisieren. Eine epische Hypercollage, in der die Audiospur dem Blick folgt.
Über lustvoll freidrehende Performances und inhaltliche Kontroversen entwickelt das Teatr 21, bestehend aus Spielbegeisterten mit Downsyndrom, eine Idee der ersehnten Autonomie.
Inspiriert von einer politischen Protestbewegung erarbeitet das Teatr 21 – ein Theaterensemble aus Spielbegeisterten mit Downsyndrom – ein Stück, in dem die Beteiligten ihre Wünsche und Forderungen artikulieren und sich zugleich mit großer Lust der kreativen Entfaltung hingeben können. Aufmerksam begleitet Martyna Peszko den Entstehungsprozess in produktiv wuseliger Probenatmosphäre, musikalisch akzentuiert durch die Improvisationen eines Free-Jazz-Trios.
2018 besetzen Menschen mit Behinderung für vierzig Tage das Regierungsgebäude in Warschau, um für mehr Unterstützung und Anerkennung zu demonstrieren. Politisch bleibt die Aktion weitgehend folgenlos, doch immerhin: Der revolutionäre Funke springt auf die Öffentlichkeit über. Das Projekt des Teatr 21 greift die Ereignisse auf, schöpft aus der Enttäuschung über den gescheiterten Aufstand. Das bringt auch künstlerisch-handwerkliche Diskussionen mit sich: Was bedeutet professionelles Schauspiel? Was hat Nacktheit mit Revolution zu tun? Und wozu muss man bei Liedern eigentlich immer die Texte verstehen? Beim Ausloten des Verhältnisses von Performance und Politik erobern sie sich eine Autonomie zurück, die ihnen im Alltag oft verwehrt bleibt: über die eigenen Körper, die eigenen Geschichten. Bühnenregie und -dramaturgie bilden dafür einen unaufdringlich klugen Rahmen. Peszkos besonnen beobachtender Werkstattbericht führt dies fort.
Carolin Weidner
Credits
Regie
Martyna Peszko
Buch
Martyna Peszko
Kamera
Magda Mosiewicz
Schnitt
Olga Kalagate
Produktion
Justyna Sobczyk
Co-Produktion
Katarzyna Tymusz
Ton
Adam Buka, Martyna Peszko, Konrad Wosik
Musik
Zespol Pokusa
Filmvertrieb
Katarzyna Wilk
Nominiert für:
Young Eyes Film Award,
MDR-Filmpreis,
Filmpreis Leipziger Ring
Fackernde Bilder erzeugen irritierende Illusionen, greifen das Auge an und attackieren das Bewußtsein. Ein Film, der im Gehirn entsteht. Am besten einfach zurücklehnen und genießen!
Eine Warnung sei ausgesprochen: Dieser Film besteht aus aufblitzenden Bildern. Er ereignet sich nicht nur auf der Leinwand, sondern entsteht im Gehirn. Flackernde Kreise in Komplementärfarben bewegen sich, überlappen sich und erzeugen dabei neue Formen und Farben. Im Zusammenspiel mit dem allgemeinen Aufbau unseres Auges und Nervensystems ergibt sich eine jeweils individuelle Gereiztheit.
Inspiriert von der Theorie des musikalischen Kontrapunkts bewegen sich Rechtecke auf strengen Bahnen im Raum. Sie wachsen und schrumpfen und erzeugen dabei die Illusion von Raumtiefe.
Die Ziffer 21 im Titel von Hans Richters Film gibt nur bedingt Aufschluss über das im Nebel der Geschichte verlorene Entstehungsdatum dieses Meilensteins des abstrakten Bewegtbildes. Nachweislich wurde „Rhythmus 21“ jedoch 1925 bei der Matinee „Der Absolute Film“ in Berlin aufgeführt. Rechtecke bewegen sich auf strengen Bahnen im Raum. Wachsend und schrumpfend erzeugen sie die Illusion von Raumtiefe.
Dieser ursprünglich tonlose Film lässt den Sound im Kopf entstehen: Geometrische Formen befreien sich von ihren strengen Bewegungspfaden und ordnen sich zu einem komplexen Rhythmus.
Zarte Linien ergänzen die Rechtecke, die Hans Richters Filmexperiment „Rhythmus 21“ dominieren. Man könnte meinen, eine Verbeugung vor Viking Eggeling habe sich in die Bildwelten dieses bedeutenden Meisterwerks eingeschlichen. Die Formen befreien sich von ihren strengen Bewegungspfaden und lehnen sich wagemutig aus dem rechten Winkel heraus. Der Rhythmus der Bildelemente ist ungestüm und selbstbestimmt.
In der Peripherie von Addis Abeba: Eine vielstimmige Erzählung von Bruchlinien, Gräben und Menschen, die die stürmische Urbanisierung Afrikas am eigenen Leib erfahren müssen.
Soziogeografische Erkundungen in der Peripherie von Addis Abeba: In vielfacher Weise verlaufen dort Grenzen und Bruchlinien – zwischen agrarischen und urbanen Raumpraktiken, zwischen ökonomischen und linguistischen Schollen, zwischen Perspektive und Dilemma. Eine vielstimmige audiovisuelle Erzählung von Menschen, die die stürmische Urbanisierung afrikanischer Gesellschaften ungefragt am eigenen Leib erfahren müssen, aufgezeichnet als Fallstudie, die sich zur komplexen Allegorie weitet.
Addis Abeba (in der Sprache der bäuerlichen Oromo-Bevölkerung: Finfinnee) ist eine ungestüm wachsende ostafrikanische Metropole. Aus der konkreten Beobachtung von Haupt- und Nebeneffekten der Verstädterung in vier extrem unterschiedlichen, obzwar in Sichtweite voneinander liegenden Siedlungskomplexen im östlichen Randgebiet der äthiopischen Hauptstadt entwickelt sich „Rift Finfinnee“ zu einer weit ausgreifenden Komposition über die Dynamiken einer urbanen Turbomodernisierung. Der Große Afrikanische Grabenbruch begrenzt derzeit noch (!) als ebenso natürliche wie symbolische Barriere die weitere tentakelhafte Ausbreitung der Megacity in landwirtschaftliches Terrain – über diesen und andere Rifts hinweg. Der Zwischenbefund zur Lage an den Verwerfungen sondiert das Spannungsfeld aus instabilen Vergangenheiten, unzuverlässigen Zukünften und einer umkämpften Gegenwart.
Robin, Präsident des Wiener Fußballamateurclubs RSV, liebt seine „dirty rotten bunch“. Leidenschaft ist sein Rezept. Es gilt in Sachen Zivilcourage, Disziplin und Feierei.
Die Fluktuation im Wiener Fußballclub RSV ist hoch. Trainer Robin, der einst Partys in der Pratersauna veranstaltete, betrachtet seinen Verein auch als politisches Projekt: Spieler mit den unterschiedlichsten Geburtsnationen finden sich in seiner „dirty rotten bunch“ zusammen. Auf sportliche Höhenflüge folgt nicht selten ein Abstieg, Disziplin und Exzess liegen beim RSV nah beieinander. Regisseurin Jasmin Baumgartner hat Robin samt Team über mehrere Jahre begleitet.
„Meine Spieler sind wie Kinder für mich“, sagt Robin. Und Kinder können anstrengend sein. Auf dem Weg ins slowenische Trainingslager lassen sie sich von der Polizei mit Joints erwischen oder gehen lieber ins Casino, als ihre Einheiten zu absolvieren. Doch auch Präsident Robin ist der Feierei nicht abgeneigt. Am Spielfeldrand der Amateurliga geht es feuchtfröhlich und häufig auch ruppig zu: Gegnerische Fans beleidigen und diskriminieren vor allem die schwarzen Sportler. Ein Verhalten, für das Robin kein Verständnis hat. Er sieht es so: „Wenn wir es schaffen, diese super sympathische Türken- und Moslem-Fraktion bei uns zu integrieren, mit den serbischen orthodoxen Nationalisten und den ungebildeten Schwabos und den Moslem-Hasser-Kongolesen, werden wir nicht nur wieder in die Oberliga, sondern auch in die Landesliga gehen. Und dann wird es keinen Strache als Bürgermeister geben und dann wird es auch kein Kurz werden.“
Eine Momentaufnahme von Beziehungshaltigkeit und Resilienz an einem prekären Ort. In humorvollen Tableaus und lichtdurchfluteten Außenaufnahmen erzählt sich ein Kindersommer.
Englisch, deutsche Untertitel für Menschen mit eingeschränkter Hörfähigkeit
Romanas, seine Eltern Aivaras und Diana sowie deren kleiner Hund leben auf beengtem Raum in der litauischen Hafenstadt Klaipėda. Unvoreingenommen blickt Linas Mikuta auf ein liebevolles Familiengefüge, in dem bei Zigaretten und Torte Träume gedeutet, Sorgen geteilt und Neuigkeiten verhandelt werden. Zeitgleich erzählt sich ein zeitloser Kindersommer voller Kopfstände am Straßenrand, Saltos am Strand und Nachmittage in Schachtelhäusern.
Mit seinen Freunden streift Romanas durch Ruinen, Stadtteile und die Küste entlang. Der Achtjährige erschließt sich eigene Welten, lebt seine eigene Zeit. Es entsteht ein ganz dem Moment ergebenes Porträt von Beziehungshaltigkeit und Resilienz an einem prekären Ort. In humorvollen, warmen Tableaus und lichtdurchfluteten Außenaufnahmen werden Alltagsrituale, Fürsorge und Gemeinschaft festgehalten. Dieser Film weiß um die große Liebe im Kleinen. Er weiß von Schlagern, die mitten ins Herz treffen, von Tränen, mit denen man nicht alleine bleibt, und dass zwischen grünem Meer und weißem Sand mit den Wellen zu spielen, ein Alles an Welt bedeutet.
In einem schamanischen Ritual zu Intelligent House-Beats bündeln halbmenschliche Wesen sprudelnde Energie und dirigieren mit ihren tänzerischen Bewegungen scheinbar das Universum.
In unendlichen Weiten von Schwarz bildet sich ein weißes atomares Gebilde und wird von einer Frau beschworen. Sie löst einen Urknall und ein tänzerisches, schamanisches Ritual zu Intelligent House-Beats aus. Sprudelnde Energie wird von Frauen mit Geweihen in einem Ball aus pulsierenden Blitzen gebündelt. Ihre Bewegungen scheinen den Gang des Universums zu dirigieren.
Ein wunderbar untergründiger Animationsfilm über die relevante (und bis dato nie ganz geklärte) Frage, wie man seinem Kind eigentlich am wenigsten im Weg steht.
Wer heute ein Kind in die Welt setzt, trägt schwer an der neuen Verantwortung. Als Ethan Barrett als „stay at home dad“ plötzlich für das Wohlergehen seiner kleinen Tochter zuständig ist, begreift er schlagartig: Jede seiner Handlungen wird ihr Leben beeinflussen – ob er will oder nicht. Charmant, ironisch und gewitzt sondiert er, wie er ihrer perfekten Entwicklung am wenigsten im Weg stehen könnte. Nach „Burp“ (DOK Leipzig 2020) das nächste kleine Meisterwerk des untergründigen Humors.
Im Zug nach Rostow am Don trifft der mauretanisch-malische Regiestudent Sissako 1980 einen Angolaner. Jahre später, die UdSSR ist passé, sucht er ihn in dessen Heimat – und findet Spuren von Kolonial- und Weltgeschichte.
1980 begegnet der malisch-mauretanische Stipendiat Abderrahmane Sissako auf einer Zugfahrt nach Rostow am Don dem ebenfalls in die UdSSR entsandten Angolaner Afonso Baribanga. Beide sollen Russisch lernen. Sissako studiert Filmregie am WGIK in Moskau, Baribanga schlägt einen anderen beruflichen Weg ein und geht schließlich zurück nach Angola, wo ein postkolonialer Bürgerkrieg tobt. Jahre später macht sich Sissako auf die Suche nach dem von der Bildfläche verschwundenen Freund, bereist seine und Baribangas afrikanische Heimaten, in denen die alten und neuen Weltmächte verheerende Spuren hinterließen. 1997 präsentierte DOK Leipzig die Langfassung von Sissakos zeit- und kolonialgeschichtshaltigem Travelogue in einer Nebensektion. Die Retrospektive 2024 zeigt eine kürzere Schnittfassung.
Nach dem Sieg über das NS-Regime waren die sowjetischen Besatzer – später Freunde – auf ein gutes Verhältnis bedacht: Sie gaben „ausgelagerte“ Kulturschätze medienwirksam zurück.
Als filmisches Entree firmiert gut sichtbar das Staatswappen der Sowjetunion mit der Übersetzung des Aufrufs von Marx „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ in verschiedenen Sprachen. Unter großer medialer Aufmerksamkeit restituierten Vertreter der Sowjetunion Kunstschätze an die DDR. Den Höhepunkt bildete dabei die Rückgabe von „ausgelagerten“ Objekten an das Grüne Gewölbe in Dresden.
Eine kritische Analyse des Abschlussberichts der offiziellen Warren-Kommission zur Ermordung John F. Kennedys, basierend auf Recherchen des Anwalts und Co-Autors des Films, Mark Lane.
Diese kritische Analyse des Abschlussberichts der Warren-Kommission, die John F. Kennedys Ermordung untersuchte, basiert auf Recherchen des Anwalts Mark Lane. Lane wirkte am Film als Co-Autor mit und veröffentlichte fast zeitgleich sein gleichnamiges Buch. De Antonio hatte in Harvard gemeinsam mit Kennedy studiert, was seinem Film ungeachtet der politischen Distanz zu Kennedy ein persönliches Anliegen mitgab. Dies mag die argumentative, bisweilen sachliche Strenge begründen, mit der er und sein Cutter Dan Drasin vorgingen. Letztlich ist „Rush to Judgment“ ein verspäteter Rechtsbeistand für den zum Einzeltäter erklärten Lee Harvey Oswald, der nur zwei Tage nach dem Mord im Polizeigewahrsam erschossen wurde und dessen Interessen vor der Warren-Kommission nicht angemessen juristisch vertreten waren.
Zwei Filmschaffende – Bruder und Schwerster – heuern einen Koch an, ihren Vater zu spielen. Die Grenzen zwischen Film und Lebenswirklichkeit des alleinerziehenden Vaters verschwimmen zusehend.
Krakelige Kugelschreiberlinien auf weißem Papier. Alles wirkt wie eine eilig hingeworfene Kritzelei – eher eine Ideenskizze denn ein fertiger Film, womöglich nur ein schnelles Storyboard. Die ruckelig verbundenen Bilder zeigen einen Imbiss, irgendwo im Nirgendwo. Hier ereignet sich etwas Außergewöhnliches: Zwei Filmschaffende – Bruder und Schwester – heuern den Koch als Hauptdarsteller für ihr Projekt an. Sie planen ein Biopic über ihren Vater. Der Fast-Food-Experte sieht dem berühmten Mann nicht nur zum Verwechseln ähnlich, er ist wie er! Eine bessere Besetzung sei gar nicht vorstellbar, lässt sich der Filmbusiness-Neuling überzeugen. Doch die Aufgabe erweist sich als schwierig. Obwohl der Koch alles daransetzt, die anspruchsvolle Rolle auszufüllen, scheint er von Tag zu Tag weniger passend für den Job. Von den Vorbereitungen auf seinen Einsatz völlig eingenommen, entfernt er sich immer mehr von seinen eigenen Kindern. Die Grenzen zwischen Film und Lebenswirklichkeit des Alleinerziehenden verschwimmen. Haben die Dreharbeiten vielleicht schon längst begonnen?