Petra verbringt den Lebensabend mit ihrem Vierbeiner in der Einöde. Das Alleine-Leben hat sie perfektioniert. Doch dann findet der Hund einen schönen, gefrorenen Mann im Schnee.
So ein Lebensabend, allein in der entlegenen Waldhütte in den Anden, mit dem treuen Vierbeiner – was will man mehr? Petra scheint jedenfalls recht zufrieden so ganz für sich, hackt ihr Holz und hört Radio. Doch eines Tages entdeckt ihr Hund eine Permafrostleiche im Schnee und beißt sich sprichwörtlich in ihr fest, sodass Petra nichts anderes übrig bleibt, als den Zufallsfund mit nach Hause zu nehmen. Mit herrlich absurden und leichtfüßigen Wendungen erzählen Stefania Malacchini und Malu Furche eine warmherzig-makabre Geschichte übers Altwerden – und über eine späte Liebe. Denn der gefrorene Leichnam lässt sich ganz wunderbar auftauen, in den Alltag integrieren, als Tanzpartner hin und her schunkeln. Liebevoll und detailliert ist auch die Puppentrick-Animation: ob Petra als resolute Grauhaarige mit ihrem No-Nonsense-Stil, ihr Hund, dessen Jagdtrieb und Verspieltheit witzige Folgen haben, oder auch die Frostleiche selbst, dieser im dicken Schnee umgekommene Wanderer aus dem 20. Jahrhundert, der manchmal aussieht, als wollte er gleich zum Leben erwachen, um schnell fortzurennen. Petra genießt ihr neues Glück. Aber es könnte endlich sein: Die Polizei sucht nach dem vermissten Toten …
Akkurat notiert Petra die Ereignisse dieses besonderen Tages, unterrichtet über Schnitzeljagd und Segelbootfahrt. Eines der ersten Filmhochschulerzeugnisse, reibungslos inszeniert.
Hinter Petra liegt ein ereignisreicher Tag: Gemeinsam mit anderen Kindern hat sie eine Schnitzeljagd absolviert, kleine Aufgaben gelöst, sich mit ihrem zugewiesenen Partner koordinieren müssen. Abenteuerliches war darunter, aber auch eine auf einer Wiese installierte Klassenzimmersituation, bei der es galt, das eigene Wissen über die heimische Flora unter Beweis zu stellen. Zum Abschluss besteigen alle Segelboote und gleiten in einen stimmungsvollen Abend. Ein Protokoll in Briefform, akkurat aufgesetzt im Pionierhaus Potsdam, fungiert dabei als Rahmen für einen der ersten vorgelegten Filme der gerade neu gegründeten Deutschen Hochschule für Filmkunst in Babelsberg.
Mit Hall, Filtern und rhythmischer Montage entsteht aus Klangfragmenten ein Hörstück über eine scheinbar eigenwillige Spieldose. Philippe Arthuys – Filmkomponist für Größen wie Rivette und Godard und selbst Filmemacher – variiert das Tempo von stotternd bis ruhig atmend, lässt überraschend Geräuschpartikel aus der Tiefe des Raumes auftauchen und wieder verschwinden. Ein Filmdramolett für die Ohren.
Mit Kriegsbeginn findet der 12-jährige Niki Zuflucht in einer U-Bahnstation in Charkiw. Eintönige, beklemmende Tage – bis Wika in sein Leben tritt. Die zarte Verbindung gibt neuen Mut.
Seit Wochen harren der 12-jährige Nikita und seine Familie in einer U-Bahnstation in Charkiw aus. Der Ort verspricht Schutz vor den russischen Angriffen, doch viel zu erleben gibt es hier unten nicht. Das grelle Licht und die provisorisch hergerichteten Waggons erzeugen eine surreale bis triste Atmosphäre, Haustiere streunen durch die Gänge, ein in die Jahre gekommener Musiker stimmt Lieder auf seiner Gitarre an.
Ivan Ostrochovský und Pavol Pekarčík verdichten die ersten Kriegsmonate in der Ukraine zu einer beklemmenden, aber nicht hoffnungslosen Erzählung, denn die Station ist auch eine Stätte der Begegnung. So trifft Niki rasch die gleichaltrige Wika, die den lethargisch gewordenen Jungen aus der Reserve lockt. Gemeinsam unternehmen sie Streifzüge durch die Unterwelt. Doch während es Wika erlaubt ist, zumindest hin und wieder die Erdoberfläche zu betreten, endet Nikis Bewegungsradius an den Treppen, auf die manchmal etwas Sonnenlicht fällt. Dennoch existiert ein Außen, das die beiden Regisseure über einzeln eingestreute Super-8-Aufnahmen sichtbar machen. Sie zeigen ein versehrtes Charkiw: zerstörte Fahrzeuge, ein verkohltes Bett, notdürftig verbarrikadierte Denkmäler. „Photophobia“ ist ein hybrider, in sich gekehrter Film, der inmitten einer unwirklichen Situation so etwas wie zarte Romantik aufzuspüren vermag.
Carolin Weidner
Credits
Regie
Ivan Ostrochovský, Pavol Pekarčík
Buch
Marek Leščák, Ivan Ostrochovský, Pavol Pekarčík
Kamera
Ivan Ostrochovský, Pavol Pekarčík
Schnitt
Ivan Ostrochovský, Pavol Pekarčík, Martin Piga
Produktion
Ivan Ostrochovský, Albert Malinovský, Katarína Tomková, Tomáš Michálek, Kristýna Michálek Květová
Co-Produktion
Helena Osvaldová, Denis Ivanov, Jakub Mahler, Pavol Pekarčík
Ton
Dušan Kozák, Jakub Jurásek
Sound Design
Jakub Jurásek
Musik
Roman Kurhan, Michal Novinski
Filmvertrieb
Michaela Čajková
Nominiert für:
MDR-Filmpreis,
Filmpreis Leipziger Ring
Die Filmcrew macht sich auf die Suche nach den Nordlichtern. Ausgestattet mit einer ausgeklügelten Spezialkamera, geben sie sich dem Warten, den Umständen und den Menschen vor Ort hin.
Zusammen mit dem Fotografen Andreas Züst und einer kleinen Filmcrew macht sich Peter Mettler auf die Suche nach den Nordlichtern. Um dieses Naturwunder überhaupt auf Filmbildern erfassen zu können, hat das Team eine Spezialkamera angefertigt, die den klimatischen Extrembedingungen standhalten muss. Vor Ort geben sie sich geduldig dem Zustand des Wartens hin. Sie befinden sich im Grenzbereich zwischen geografischem Norden und besiedeltem Süden. In seiner formalen Struktur bewegt sich der Film wiederum zwischen trancehaftem Essay und analytischer Forschungsreise. Und dem Filmemacher bleibt die Grundsatzfrage, ob die Erfahrung des spektakulären Naturphänomens überhaupt gefilmt werden kann.
Annina Wettstein
Credits
Regie
Peter Mettler
Buch
Peter Mettler
Kamera
Peter Mettler
Schnitt
Peter Mettler, Mike Munn
Produktion
Andreas Züst, Peter Mettler, A. Gill
Sound Design
Peter Mettler, Peter Bräker, A. Gill, Leon Johnson, Gaston Kyriazi
Gewitzte Verhandlung von Wahrnehmungs- und Repräsentationsstrukturen am Beispiel einer im globalen Kapitalismus sehr ernst zu nehmenden Währungseinheit: 100 chinesische Yuan.
Warum sehen wir bestimmte Farben, selbst wenn sie nicht da sind? Die chinesische Regisseurin Tang Han analysiert akribisch die 100-Yuan-Banknote mit einem Porträt Mao Zedongs und stellt fest, dass der Geldschein – offizieller Darstellung und verbreiteter Wahrnehmung zum Trotz – wohl eher pink als rot ist. Mit ernster Stimme und in bunten, vergnügten Bildern erschüttert sie ganz nebenbei auch jede Menge anderer festgefahrener Vorstellungen um Digitalisierung, Globalisierung, Kapitalismus und Gender.
Eine investigative Untersuchung in den Farbräumen des 100-Yuan-Scheins kommt einem Paradigmenwechsel auf die Spur. Was besagt ein pinkes Mao-Porträt über das heutige China?
Eine investigative Untersuchung in den Farbräumen des 100-Yuan-Scheins kommt einem Paradigmenwechsel auf die Spur. Von der staatlichen Notenbank offiziell als rot deklariert, ist der Geldschein mit Mao-Porträt physikalisch genau genommen pink. Das hat Konsequenzen für Chinas politisches Narrativ, wie Tang Hans filmische Versuchsanordnung kompromisslos präzise und erfrischend klug erzählt.
Eine vermutlich aus der BRD kommende Dame in der Pioniereisenbahn: Humorvoll wird ihr Befremden über Kinder ausgedrückt, die sie allen Ernstes nach einer gültigen Fahrkarte fragen.
Eine vermutlich aus der BRD kommende Dame tritt eine Ausflugsfahrt in der Schmalspureisenbahn an. Ihr Befremden über den Betrieb der Anlage durch Junge Pioniere ist nicht zu übersehen. „Unerhört“ wie sie mit kindlichem Ernst nach der Fahrkarte gefragt wird! Entstanden ist dieser Film im engagierten und äußerst produktiven Pionierfilmstudio „Iskra“ an der 31. Oberschule in Leipzig-Probstheida.
Konstantin Wiesinger
Credits
Regie
Renate Müller, Frank Schumann, Matthias Heyn
Buch
Renate Müller, Frank Schumann, Matthias Heyn
Kamera
Christian Dieckmann, Diethard Wommer
Schnitt
Christian Dieckmann, Renate Müller, Stephan Mücke, Karola Hoffmann
Eine Familie, die in den Bergen täglichen Ritualen nachgeht, unbehelligt von der Außenwelt. Doch auch dieses vermeintlich ruhige Leben ist vom Krieg in der Ostukraine bestimmt.
Eva Dzhyshyashvili zeigt uns eine Familie, die in den Bergen ihren täglichen Ritualen nachgeht. Auf den ersten Blick ist dieses Leben einfach und ruhig, unbehelligt von der Außenwelt. Doch als sich der Blick weitet, sehen wir, dass der Großvater in der Ostukraine verwundet wurde, und hören unzählige Gespräche über diesen Krieg. Das Gefühl, dass es keinen Ort gibt, an dem man sich vor der militärischen Aggression verstecken kann, ist unübersehbar. Aber das Ende gibt einen Funken Hoffnung.
Wie kann man auf einem Planeten aufwachsen, der von der Menschheit zerstört wird? Die Freundinnen Bo und Luca sind enthusiastische Klimakämpferinnen, die der Film vier Jahre lang begleitet.
deutsche Untertitel für Menschen mit eingeschränkter Hörfähigkeit
Wie kann man auf einem Planeten aufwachsen, der von der Menschheit zerstört wird? Der Film geht auf die Suche nach Antworten auf diese dringende Frage und stellt uns Bo und Luca vor. Die engen Freundinnen sind enthusiastische Klimakämpferinnen und einander in ihrem Aktivismus verbunden. Wir begleiten die beiden Teenager vier Jahre lang beim widersprüchlichen und überraschenden Erwachsenwerden.
In dieser „surrealen Ökofiktion“ verschmelzen wir mit Plastik zu hybriden Wesen, deren Identität und DNA umgeformt wurde. Wir werden zu dem Material, das uns alle verbindet.
Mikroplastik ist überall: in der Luft, im Boden und im Wasser. In dieser „surrealen Ökofiktion“ leben Plastik und Umwelt in friedlicher Koexistenz. Sie erfindet eine tröstliche Welt, in der wir mit Plastik zu hybriden Wesen verschmelzen, ausgestattet mit neuer Identität und DNA. In der Plastisphäre werden wir zu dem Material, das uns alle verbindet – wenn man ihm endlich erlaubte, uns umzuformen.
Diabetes: Matthew Lancit lebt in ständiger Furcht vor den Komplikationen seiner Erkrankung. Also nimmt er den Body-Horror einfach selbst vorweg. Das Ergebnis ist so humorvoll wie verstörend.
Wenn es einen Menschen gibt, der Matthew Lancit nachhaltig beschäftigt, dann ist das sein Onkel Harvey. Die Augen dunkel umrandet, blass, blind, die Beine amputiert. Wie Harvey leidet auch der Filmemacher an Diabetes. Die Erkrankung hat er grundsätzlich unter Kontrolle, doch stets treibt ihn die Frage um: Wie lange noch? Verlässlich kreist seine Langzeit(selbst)beobachtung um die Angst vor Siechtum und Verstümmelung. Den befürchteten Body-Horror überführt er ins Filmische, inszeniert sich als Zombie, Vampir, desolate Figur. Lancit nimmt seinen potenziellen Verfall also spielerisch vorweg und fährt dafür ein ganzes Arsenal an Effekten auf, die – Videoaufnahmen beweisen es – bis in seine Jugend zurückreichen. Dabei erinnert das „dead“ im Titel nicht umsonst auch an „dad“. Denn „Play Dead!“ verhandelt auch die eigene Vaterrolle.
Lancit bezieht seine Familie intensiv in seine Fantasien mit ein, lässt sie zu Dämonen werden und gemeinsam durchs Wohnzimmer wanken. Die Dokumentierung der eigenen Diabetes erlaubt so zugleich einen Einblick in ein modernes Pariser Familienleben samt zweier kleiner Kinder und einer Partnerin, die das Treiben ihres Mannes zumeist wohlwollend begleitet. Lancits Herangehensweise überschreitet bewusst Grenzen, öffnet Körper, Seele und Haustür. Ergebnis ist ein humorvolles und bisweilen verstörendes Selbstzeugnis.
Ein Film wie ein Familientreffen: Liebe, Angst, Drama, gutes Essen. Nicht immer ist klar, wer hier wen begehrt oder belügt. Gebündelte Energie, direkt aufs Herz gerichtet.
Eine filmische Familienaufstellung, in der wir, einer scheinbar zufälligen Bewegung folgend, durch ein Konglomerat privater Fotos, Videoaufnahmen, Notizen, Gedanken, Sounds und Texte geführt werden. Erst nach und nach kristallisieren sich Erzählstränge, werden verworfen, wieder aufgenommen und schließlich in ihrer Vieldeutigkeit stehen gelassen. Es geht um die großen Fragen des Lebens, um Liebe[n], Familie[n], Beziehungen, Tod und gutes Essen. Nicht mehr – und auf keinen Fall weniger.
Langweilig sind die Tage im Krankenhaus, lustlos liegt das Mädchen im Bett und starrt stundenlang aus dem Fenster. Eines Tages jedoch erhält sie ein ganz besonderes Geschenk.
Langweilig sind die Tage im Krankenhaus, die Eintönigkeit wird nur unterbrochen durch Besuche der Eltern. Lustlos liegt das Mädchen im Bett und starrt stundenlang aus dem Fenster. Eines Tages jedoch erhält sie ein ganz besonderes Geschenk. Langsam erholt sie sich und ihre Verletzungen heilen … Die in weichen, hellen Farben animierte Geschichte erzählt davon, dass der Glaube bei der Genesung hilft.
Männer und ihre Spiele, irgendwo im Mittelmeerraum. Ringen mit öligen Körpern, hakelnde Finger, ein gerollter Käselaib. Außerdem ein Film über eine enorme kreative Blockade.
Ein Film über Männer und Spiele, irgendwo im Mittelmeerraum, inszeniert von einem slowenischen Meister des Spielerischen, irgendwo zwischen spekulativer und pseudodokumentarischer Form. Ölige Körper im Ringkampf, hakelnde Finger, ein durchs Dorf gerollter Käselaib – all dies sind archaische Zeitvertreibe von gar nicht zu überschätzender Bedeutung. Akribisch fängt der Filmemacher das Geschehen ein, bis ihn eine enorme kreative Blockade überkommt. Von jetzt ab wird er seine Umgebung als Teil des Spiels erleben. Kindheitserinnerungen und die Aufnahmen des unvollendeten Filmprojekts verschmelzen nahtlos zu einer Ode an die Absurdität der Geste.
Kann eine berechnete Vektorlinie dieselben Gefühle erzeugen wie eine gezeichnete Pixel-Linie? Eine schmunzelnde Liebeserklärung an die Technik und Ästhetik der letzten 60 Jahre.
Irgendwo zwischen „für immer“ und „nicht mehr“, zwischen Unendlichkeit und Begrenztheit, zwischen Absolutheit und Konkretheit wächst dieser Film. Alles spielt im quadratischen Format, der Ur- oder Pixelform. Doch dieses Quadrat scheint wie ein Spiegel vor dem Spiegel zu sein, eine sich selbst referierende unendliche optische Täuschung – mit viel Augenzwinkern. Wir erleben die humorvolle Verhandlung eines ewigen Streitthemas unter visuellen Künstler*innen: Kann eine mathematisch berechnete, bis ins Unendliche skalierbare Vektorlinie dieselben Gefühle bei Betrachter*innen erzeugen wie eine endliche, unperfekt gezeichnete Pixellinie? Ist Erstere nicht vielmehr das visuelle Äquivalent zur neoliberalen Illusion unendlichen Wachstums – glänzend, aber krankmachend? Und kann die geheimnisvolle verpixelte Motte den ewigen Konflikt lösen? Sie bewacht den „Vectorial Superlooper“, damit die Wundererfindung nicht in die falschen Hände gerät. Jon Frickey spannt den Bogen von unserer absurden, endlichen Existenz zu den technologischen Innovationen, die unser Stilempfinden formen, unseren Geschmack und damit unser Leben prägen. Sein Film ist eine schmunzelnde Liebeserklärung an Technik und Ästhetik der letzten sechzig Jahre: an Pixel-Art, Videospiele, Fernsehserien, Vektormonitore – und natürlich an Pixel und Vektoren selbst.