In diesem ungemein gehaltvollen Cookie steckt die geballte Ladung kanadisch-indigener Geschichte, serviert als unglaublich humorvolle Familienchronik. Und sie schmeckt hervorragend!
„Die Vergangenheit ist ein endloser Cookie.“ Das Vergangene ist allgegenwärtig in diesem sagenhaft originellen Familienporträt. Es macht sich schon in den ersten Minuten bemerkbar, als Filmemacher Seth aus Toronto seinen Halbbruder Pete anruft, der dem Indigenen Volk der Cree angehört: Die Erdkugel, auf der die Distanz zwischen den beiden visualisiert wird, schnippt das kleine Schildchen „Dominion of Canada“ weg und gibt darunter das Wort Shamattawa frei – so heißt die First-Nations-Gemeinde, in der Pete lebt. Die Vergangenheit bleibt eben Gegenwart durch die Verletzungen, die die Cree in der weißen Mehrheitsgesellschaft erfahren (haben), darunter Polizeigewalt und Landnahme. Nichtsdestotrotz ist Humor das prägende Stilmittel der Scrivers – von subtilen Jokes über Selbstironie bis hin zum detaillierten, liebevoll-surrealen Look aller Charaktere, den sie sogar rassistischen Polizisten angedeihen lassen. Sieben Geschichten wollten die Brüder anfangs erzählen. Am Ende sind es Hunderte geworden – denn jede Sprachaufnahme wird durch den Alltag der Großfamilie unterbrochen, jede Anekdote birgt die nächste. Ganz gleich, ob es um den Tipi-Bau, den Einkauf im Supermarkt oder das Tiere-Schächten geht. Über neun Jahre entstand diese schier unendliche Familienchronik, die auch eine besondere Chronik Kanadas entwirft. Es ist ein unverwechselbarer Cookie geworden, auf dem man lange herumkauen kann.
Marie Ketzscher
Credits
Regie
Seth Scriver, Peter Scriver
Buch
Seth Scriver, Peter Scriver
Schnitt
Sydney Cowper
Produktion
Daniel Bekerman, Chris Yurkovich, Alex Ordanis, Jason Ryle, Seth Scriver
Ist der Mensch fähig, das Leid anderer Spezies zu begreifen? Ein filmisches Manifest gegen das Artensterben, künstlerisch und auf persönliche Weise als Mahnung verfasst.
„Kann uns das Verschwinden der Nashörner berühren, wenn wir noch nie einen Schmetterling auf der Hand gespürt haben?“, fragt Marcel Barelli nicht ohne Pathos, aber ins Mark treffend, in seinem animierten Manifest. Er zitiert damit Daniel Paulys Shifting-Baseline-Syndrom-Theorie: Wir Menschen würden Normalität immer an unseren eigenen Erfahrungswelten und nicht an historischen Veränderungen bemessen und deshalb auch die Umweltzerstörung eher akzeptieren. Es ist nicht die einzige Anspielung, die in Barellis kompaktem Dreiminüter steckt: Er referenziert die „sechste Auslöschung“, also das aktuell stattfindende, menschengemachte Artensterben, und das Sanduhr-Symbol der Extinction-Rebellion-Bewegung. Dieser Film, den man unbedingt als Aufruf zum aktiven Widerstand verstehen sollte, bettet seine Überlegungen allerdings künstlerisch ein. Mit der verdunstenden Wasseranimation auf Papier hat Barelli sich für eine einfache und stimmige Animationstechnik entschieden, die mittels Flüchtigkeit Arten-Sterben und Arten-Vergessen perfekt einfängt. Hinzu kommt Archivmaterial. Anders als die von ihm verehrten „Cinétracts“-Flugblattfilme von 1968, aber ebenso eindringlich, wählt er für seinen Appell eine zeitgemäße, persönliche Ansprache. Berührend verwebt er seine Thesen mit der eigenen Biografie: Familienbilder weisen in eine Zeit, als Barelli selbst noch „mit Dinosauriern spielte und Hühnchen aß“.