Bewegte Momentaufnahmen von Menschen an einem Fluß in Kyoto entwickeln einen einnehmenden Rhythmus, dem man sich allzu gerne überlässt. Es wird gespielt, gesungen und spaziert.
In der Ferne rattert ein Zug, ein Reiher stolziert durchs Wasser, Kinder machen Gymnastik auf der Promenade. Ein Pärchen ist unterwegs zum anderen Ufer, hüpfend von Stein zu Stein. Einer der Steine hat die Form einer Schildkröte, sie symbolisiert Weisheit. Unter einer Stahlbetonbrücke singt ein älterer Mann, seine Stimme klingt hallig. Bewegte Momentaufnahmen vom Kamogawa, dem Wildentenfluss in Kyoto. Sie entwickeln einen einnehmenden Rhythmus, dem man sich allzu gern überlässt. Die Männer, Frauen und Kinder scheinen versunken in ihre Tätigkeiten und in sich selbst. Etwa der Angler, der vom fetten Fisch an seiner Schnur regelrecht überrascht wird. Manchmal schaut sich die Kamera auch in den Häusern hinter der Böschung um. In einer Manufaktur fertigt ein betagtes Ehepaar Stoffe mit ausgefallenen Mustern an, das gleichmäßige Klappern des Webstuhls hat etwas Beruhigendes. Eine heitere Gelassenheit erfüllt die Bilder.
Kyjiw, vor dem 24. Februar 2022. Eine Familie versucht, über die Runden zu kommen – obwohl der Kühlschrank dauerleer ist und der Stromzähler scharfe Zähne hat. Dann schlagen gegenüber Bomben ein.
Der Hirsch auf dem Schlafzimmergemälde tritt energisch ins Gras und der Vater wacht auf. Frau und Baby schlummern noch. In ausgeleierten Boxershorts, die den Blick auf einen verloren wirkenden Hoden freigeben, beginnt er den allmorgendlichen Kampf gegen den Stromzähler, der sein schnappendes Maul nur schließt, wenn man genügend Scheine einwirft. Mykyta Lyskov porträtiert bitterböse, unglaublich lustig und tieftraurig eine prekär lebende ukrainische Familie prä-2022. Er nutzt anthropomorphe und surrealistische Überspitzungen, um die Not plastisch zu machen, sowie zahlreiche kulturelle Referenzen, um Fragen nach Zugehörigkeit und Nationalstolz aufzuwerfen. In Lyskovs Film bleibt alles trostlos, als wäre 1990 noch gar nicht lang her: endlose Plattenbauschluchten, Müll, Perspektivlosigkeit. Kein Wunder, dass der Vater seinen Pass wie einen veritablen Goldschatz hütet und als kleiner gelb-blauer Vogel nach Westeuropa zum Arbeiten davonflattert. Zurück bleibt die Ehefrau, die mit Einfallsreichtum den gierigen Stromzähler in Schach hält, während der Sohn zum Hooligan heranwächst. Dass die in dieser aussichtslosen Gemengelage mehr schlecht als recht wiedervereinte Familie am Küchentisch zuschauen muss, wie eine Bombe aus dem Nichts das Gebäude gegenüber niederreißt, ist eine absolute Zumutung. Fantastisch, dass Lyskov sie mit so viel überbordender Wut für uns festhält.
Marie Ketzscher
Credits
Regie
Mykyta Lyskov
Buch
Mykyta Lyskov
Schnitt
Mykyta Lyskov
Produktion
Kalev Tamm
Sound Design
Horret Kuus
Animation
Aili Allas, Tarmo Vaarmets, Mykyta Lyskov, Shara Arus