Die unglaubliche Geschichte der „Baloeiros", einer Untergrundkultur im Herzen von Brasiliens Favelas. Riesenballons, im Verborgenen hergestellt, lassen aus dem Staunen nicht herauskommen.
Ein riesiges, leuchtendes Gebilde mit dem Antlitz von Rocky Balboa zieht durch die Nacht, rätselhaft und wie aus einer anderen Welt. Erst allmählich offenbart sich die tatsächliche Größe. Sissel Morell Dargis erzählt die unglaubliche Geschichte der „Baloeiros“, einer Untergrundkultur im Herzen von Brasiliens Favelas. Diese losen Gruppen haben sich dem Bauen, Steigenlassen und Jagen von Heißluftballons verschrieben. Das klingt nicht besonders spektakulär? Wer die gigantischen Objekte aus feinem Seidenpapier sieht, die oft populäre Figuren wie Karate Kid oder Superman abbilden, wird aus dem Staunen so schnell nicht herauskommen! Solch ein Ballonstart, dem manchmal Jahre des Schweißens und Klebens in heimlichen Werkstätten vorausgehen, ist nämlich nicht nur ein logistisch komplexes Unterfangen. Es ist auch gefährlich. Denn die „Baloeiros“, die mit ihrer Leidenschaft keinen Centavo verdienen, werden als kriminelle Vereinigung verfolgt. Es dauert eine ganze Weile, bis Morell Dargis das Vertrauen dieser verborgenen Gemeinschaft gewinnt. Die Ballons dienen ihr dabei auch als Metapher für ein Land, das sich in einer politisch ebenso fragilen wie festgefahrenen Situation befindet, in dem die am Rande der Gesellschaft sich Durchschlagenden kaum auf ihre Rechte pochen können. Ein intimer, vielschichtiger und actiongeladener Film, der gängige Vorstellungen vom Leben in den Favelas auf den Kopf stellt.
Die Pionierin des elektronischen Wohnzimmer-Pop, im Arbeitsprozess am neuen Album. Das intime Experiment geht schrittweise hinaus in die Öffentlichkeit. Musik wird zum geteilten Safe Space.
Zum ersten Mal seit sechs Jahren arbeitet Barbara Morgenstern, die Pionierin des elektronischen Wohnzimmer-Pop, wieder an einem neuen Album. Der Laptop steht auf einem Schuhkarton, in der häuslichen Intimität findet sie erste Zeilen und Harmonien: „Ich bin gern allein“, so fängt ein Song an. Nach und nach kommen Musiker*innen dazu. Die intuitiven Ideen nehmen Formen an. Ein Fenster ist geöffnet. Es folgen Arrangements, Proben, Aufnahmen. Die Musik geht schrittweise hinaus in die Öffentlichkeit, Bilder werden hergestellt, Videos, Narrative. Fragen stehen im Raum: Neuanfang oder zurück zu den Wurzeln? Neues Biedermeier oder knallharter politischer Kommentar? Je größer die Band, desto riskanter das Booking. Je krisenhafter die Umwelt, desto tröstlicher das Musikmachen. Sabine Herpich zeigt das Entstehen eines Pop-Albums als Arbeitsprozess. Der Blick ist so uneitel wie die Protagonistin, die ruhige Beobachtung nicht an Story und Glamour interessiert, sondern an Nähe und Nachvollzug. Warum jemand künstlerisch arbeitet, versteht man, auch wenn es nicht erklärt wird. Barbara Morgenstern teilt, was sie bewegt: „Die Liebe zur Sache / zum Rest der Welt / ich bin mir sicher / dass das noch zählt.“
Jan Künemund
Credits
Regie
Sabine Herpich
Buch
Sabine Herpich
Kamera
Sabine Herpich
Schnitt
Sabine Herpich
Produktion
Tobias Büchner
Ton
Sabine Herpich, Tobias Büchner
Sound Design
Dominik Avenwedde
Deutscher Filmverleih
Jürgen Pohl
Nominiert für:
VER.DI Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness
Der Spion, der aus Mittenwalde kam: Berthold Barluschke, MfS- und BND-Mitarbeiter, Waffenhändler, Familienvater und professioneller Vorspieler in einem Psychogramm über Identität und Moral.
Identität ist eine Mythe. Berthold Barluschke, ehrgeiziges Rädchen im DDR-Außenhandelssystem, hat mehrfach Namen und Rollen gewechselt. Thomas Heise begleitet ihn beim Umzug. Von Mittenwalde ging es einst nach New York, jetzt verlässt er seine Familie in Paris. Ein polyglottes Agentenleben mit kleinbürgerlichem Hintergrund. Barluschke arbeitete für den DDR-Geheimdienst und den Bundesnachrichtendienst, immer bemüht, das Beste für sich herauszuholen. „Worüber wäre denn wirklich zu reden?“, fragt der Filmemacher. Das unmögliche Unterfangen, dem professionellen Vorspieler mit Mitteln des Dokumentarfilms beizukommen, führt zu einer der freiesten, fragmentarischsten Arbeiten in Heises Gesamtwerk. Bei DOK Leipzig mit der Silbernen Taube ausgezeichnet, seitdem aber selten aufgeführt.
Nachdenken im Lockdown über verhinderte Migration, ausbeuterische Systeme, den verblichenen Glanz des Massentourismus. Kreuzfahrtschiffe liegen im Hafen, Filmaufnahmen bleichen aus.
Die Welt im Stillstand. Im Ölhafen von Augusta an der Südostküste Siziliens liegen bunt bemalte Kreuzfahrtschiffe. Ihr Glanz verblasst täglich mehr. Im ausgebrannten, farbstichigen 16mm-Filmmaterial erscheinen sie so untauglich für die Zukunft wie die hinter ihnen sichtbaren Raffinerie-Anlagen. Wann, wenn nicht im Frühsommer 2021 wäre die Zeit zur Reflexion und Neubewertung je reifer gewesen?! Alte, ausbeuterische Wirtschaftssysteme, die Menschen aus Europa fernhalten und nur Rohstoffe hineinlassen, sind im Lockdown. Ihre Zukunft kann man sich nicht vorstellen. Aber gibt es ein Zurück? Zum sanften Sound der Wellen, der Vögel und Insekten schwebt der Rauch der Industriebetriebe in die Schornsteine zurück. Doch die Bilder haben Schaden genommen.
Mit einem englischen Allerweltsnamen geschlagen, wirft der Filmemacher John Smith einen ironischen, täuschend einfachen Blick darauf, wie dies sein Leben und seine Karriere beeinflusst hat.
„Was ist ein Name? Was uns Rose heißt, wie es auch hieße, würde lieblich duften.“ Das berühmte Zitat des noch berühmteren Dichters aus Stratford-upon-Avon schwebt sinnhaft über der neuesten Arbeit des britischen Experimentalfilmers John Smith. In einem der ersten Gags des Films versichert Smith sogar, dass einer seiner Schulkameraden, ein gewisser William Shakespeare Smith, genauso schikaniert worden sei wie er selbst. Mit einem der durchschnittlichsten Namen der englischen Sprache gestraft, schildert der Regisseur, welchen Einfluss das auf sein nunmehr sieben Dekaden währendes Leben und Wirken hatte. Dabei schlägt er aus der Kombination seiner trockenen Off-Kommentare mit Fotos, Dokumenten, Schnipseln aus der eigenen Filmografie und anderem „sachdienlichen“ Bildmaterial urkomische Funken. Smiths hintergründige Auflistung namensbezogener Demütigungen durchstreift mit Vergnügen Nebenwege, die immer wieder zu Hauptsachen führen: Klassengesellschaft, Zustand der Welt, Sterblichkeit. Die Zwischentitel geben noch eine Extraportion ironischer Selbstzerfleischung dazu, die das ganze Unternehmen in Richtung Autofiktion schiebt. Politisch, erfrischend witzig und auf leise Art berührend, stellt „Being John Smith“ unter Beweis, dass Humor in Verbindung mit Stringenz und Intelligenz selbst die starrste aller Kategorien zu überwinden vermag. Was könnte lieblicher sein?
Seltsame Figuren begegnen uns in den strophenartigen Segmenten dieses animierten Experiments. Verrauschte Textbruchstücke aus einem Interview verheddern sich in der Musik von Xabier Erkizia.
Insekten unterschiedlicher Spezies finden zusammen. Sie installieren eine Bühne, auf der sich ein Rausch aus Farben und Texturen entwirrt. Seltsame Figuren begegnen uns in den strophenartigen Segmenten dieses animierten Experiments. Die bildlichen Assoziationen erwachsen aus einem Klangstück von Xabier Erkizia, das er anlässlich eines Interviews mit dem 2007 verstorbenen Musiker Santiago Irigoyen komponierte.
Weshalb feiern wir den Geburtstag gerne mit Torten? Humorvolle Erkundungen durch eine spezifische, kulinarische Kulturgeschichte, mit überraschenden Parallelen zu Fast Food und Propaganda.
Ausgehend von der Kinderparty, mit der der chinesische Künstler und Filmemacher Zhang Shengjia 2006 im Schnellrestaurant KFC seinen neunten Geburtstag feierte, spannt sein essayistischer Archivfilm eine heitere Kulturgeschichte der Geburtstagstorte aus chinesischer Perspektive auf. Der Brauch gelangte Anfang des 20. Jahrhunderts aus Westeuropa und Nordamerika nach China und vermischte sich mit den heimischen Geburtstagstraditionen. Der seit Deng Xiaopings Wirtschaftsreformen in den 1980er Jahren stetig wachsende Einfluss der westlichen Konsumkultur zeigte sich 1990 exemplarisch am Eröffnungstag der landesweit allerersten McDonald’s-Filiale in Shenzhen, an dem fast 13.000 Kund*innen zu verzeichnen waren. Der lakonisch kommentierte Streifzug durch eine bunte Materialauswahl von Film-, Werbe- und Fotoarchivalien aus mehreren Jahrzehnten führt vom ersten Geburtstagstorte essenden chinesischen Kaiser und frühen Pionieren des Cakedesigns bis hin zur Kommerzialisierung und Politisierung von Küche und Esskultur.
Ein Hund nimmt uns mit in das Innere eines Leuchtturms. Dort bäumt sich Seefahrts- und Eroberungsgeschichte auf: in halluzinierten Bilderrätseln voller Grausamkeit.
Ein Kleintransporter nähert sich dem Leuchtturm auf dem Monte Igueldo an der Bucht vor San Sebastián. In dem Turm lebt eine Frau mit ihrem Hund. Die Umzugskartons mit Akten und Papieren sind gepackt. Noch bevor der Fahrer sie verladen kann, erhalten wir Zutritt zum ungewöhnlichen Inneren des Gebäudes. Darin bäumt sich Seefahrts- und Eroberungsgeschichte auf: in halluzinierten Bilderrätseln voller Grausamkeit.
Eines Nachts streift der Filmemacher durch Novi Sad, sammelt Obdachlose ein und nimmt sie mit nach Hause. Ein Selbstversuch mit Kamera, irgendwo zwischen Sozialreportage und Aktivismus.
1971, Novi Sad, eine Winternacht. Der Filmemacher trifft auf sechs Obdachlose, empört sich über den nachlässigen Staat und nimmt das Problem selbst in die Hand. Da sich nicht schnell eine Unterkunft auftreiben lässt, lädt er die Männer in seine Wohnung ein und macht seine Frau ungefragt zur Komplizin der Hilfsaktion. Das Experiment scheitert, aber der Film ist im Kasten. Želimir Žilnik gehört zu jenen Vertretern der jugoslawischen Schwarzen Welle, denen die Herzen des Westens zuflogen. Daheim fand er zwar staatlich finanzierte Produktionsmöglichkeiten für selbst- und bürokratiekritische Filme wie diesen. Er konnte sie sogar auf heimischen Festivals präsentieren. Aber Erfahrungen mit der jugoslawischen Zensur machte er trotzdem. Bei „Black Film“ jedoch seltsamerweise nicht.
Der Assistenzhund einer blinden Person reißt sich los und verschwindet im Getümmel einer summenden Großstadt. Eine Reise beginnt, bei der die Sinne vor neuen Herausforderungen stehen.
Das Klingeln eines Telefons leitet über in die Soundlandschaft einer Großstadt. Das Brummen von Autos vermischt sich mit den Geräuschen eines Fußballspiels. Provoziert von einer Katze, reißt sich der Assistenzhund einer blinden Person los und trägt uns hinüber in eine Welt, deren räumliche Dimensionen sich kaum fassen lassen. Eine Reise beginnt, bei der die Sinne vor neuen Herausforderungen stehen.
In den Bergen Georgiens müht sich eine Familie mit ihrer Blaubeerernte ab. Zugleich wecken aktuelle Krisenherde Erinnerungen an den Kaukasuskrieg – und Sorgen um die Zukunft der eigenen Kinder.
Im Norden von Georgien, zwölf Kilometer entfernt von der russisch beeinflussten Region Abchasien, verwirklicht eine Familie ihren Traum. Unter dem zuversichtlichen Motto „Pflanzt die Zukunft“ legte die georgische Regierung ein Förderprogramm auf, das den Menschen des seit Jahren von Kriegen und Krisen geschüttelten Staates einen Neustart auf eigenem Ackerland ermöglicht. Mit dieser Unterstützung wagt Soso, Ingenieur im Ruhestand, 2021 mitsamt Frau und zwei jungen Söhnen den großen Schritt und beginnt mit dem Anbau von Blaubeeren. Regisseurin Elene Mikaberidze und eine dynamisch geführte Kamera begleiten das mutige Unterfangen der Landwirtschaftsneulinge, die sich Monat um Monat in ihr noch ungewohntes Leben einarbeiten. Abends vertreiben sie sich die Zeit mit Spielen und Gesprächen. Im Hintergrund läuft der Fernseher: Bilder aus der überfallenen Ukraine, Nachrichten von der Eskalation im Nahen Osten, bei den Erwachsenen werden Erinnerungen an den Kaukasuskrieg vor sechzehn Jahren wach. Familienoberhaupt Soso blickt nachdenklich auf seine Heimat inmitten der sich zuspitzenden politischen Weltlage. Für welche Träume ist darin noch Platz? Mutter Nino sorgt sich um die Zukunft der Kinder. Sie wünscht ihnen die Freiheit, ihren eigenen Weg zu gehen, in die Ferne zu reisen und Georgien hinter sich zu lassen. Ob diese Vorstellungen mit denen von Soso übereinstimmen, bleibt abzuwarten.
Em Johrden
Credits
Regie
Elene Mikaberidze
Buch
Elene Mikaberidze
Kamera
Patrick Wendt
Schnitt
Yannick Leroy, Phillipe Boucq
Produktion
Elene Margvelashvili
Co-Produktion
Baptiste Brunner, Isabelle Truc
Ton
Elene Mikaberidze
Sound Design
Marco Pascal
Broadcaster
Al Jazeera Documentary, Tënk, RTBF, Georgian Public Broadcaster
Mitten in der Nacht wird Bobby von ihrer Mutter in ein Hospital gelockt. Furchterregende Horrorhasen narkotisieren sie dort ohne ihre Zustimmung. Ein abgründiger Albtraum in düsteren Zeichnungen.
Bobbys Magen rebelliert. Sie hat einen Riesenhunger. Normalerweise sollte das Abendessen längst auf dem Tisch stehen. Doch heute ist alles anders. Mit einer Lüge lockt Mum die Teenagertochter aus dem Haus und bringt sie ins Hospital, wo bereits ihre Verwandten auf sie warten. Alle in Schwarz gekleidet, mit Tränen in den Augen, bekunden sie ihr Mitgefühl. Aber Mitgefühl weshalb? Noch bevor Bobby sich versieht, wird sie von unsanftem Pflegepersonal in die endlosen Korridore des Krankenhauses verschleppt, entkleidet und auf eine Operation vorbereitet, von der sie nichts wusste und der sie nie zugestimmt hat. Hinter den Kulissen dieses nächtlichen Horrortrips offenbart sich eine verstörende Erzählung über das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kindern. Mansi Maheshwaris Genremix aus Thriller, Angstvision und Erziehungssatire fasziniert. Die dynamische Gestaltung, die dramatische Animation und die fesselnde Tonspur schicken uns tief hinein in einen fürchterlich-vorzüglichen Albtraum, der nachwirkt.
Franka Sachse
Credits
Regie
Mansi Maheshwari
Buch
Anna Moore, James Davis
Kamera
Adam Pietkiewicz
Schnitt
Kaupo Muuli
Produktion
Ashionye Ogene
Ton
Alexander Faingold
Sound Design
Alexander Faingold
Musik
Marcin Mazurek
Animation
Mansi Maheshwari, Ryan Power, Elizabeth Fraser, Paula Gonsalez, Kathryn Haddow, Beatrice Babbo, Lucas Fruen