In erhitzten, oft feindseligen Debatten um Homosexualität, trans und Sexarbeit versucht eine junge armenische Familie, so etwas wie queere Normalität für sich und andere durchzusetzen.
deutsche Untertitel für Menschen mit eingeschränkter Hörfähigkeit, Englisch
Am Anfang des Films steht die Heirat von Garik und Hasmik, am Ende ein geschmückter Baum für das erste Weihnachtsfest, das der Sohn der beiden erlebt, im neuen, vom Vater selbst gebauten Haus. Zwischen diesen Fixpunkten einer familialen Bürgerlichkeit ist nichts so heteronormativ, wie es diese Klammer und wie es vor allem der politische und religiöse Mainstream in Armenien erwarten lassen.
Hasmik setzt sich als Anwältin für LGBTQIA+-Rechte ein, ihr Mann ist als Drag-Performer Carabina in den Medien präsent, betreibt Sexarbeit und macht in einer autobiografischen Theaterperformance sein Leben in einem queerphoben Umfeld zum Thema. Der Film, aus freundschaftlicher Nähe entstanden und immer einen Schritt hinter der wilden Energie von Garik/Carabina zurück, wirft einen prekären, rauen, aber auch utopisch gefärbten Blick in aktuelle gesellschaftliche Kämpfe. Normalitätssehnsucht, Emanzipation und Verantwortungsbewusstsein sehen sich – manchmal ohnmächtig und ungeschützt – gewalttätiger Diffamierung ausgesetzt. TV-Bilder zeigen den Eifer, mit dem man versucht, Homosexuelle und trans Menschen als „unarmenisch“ zu konstruieren. Carabina dagegen, in einem Moment der Ruhe, beim Verputzen des Hauses, die Mörtelkelle in der Hand, lässt einen Song von Charles Aznavour laufen, dessen Familie aus Armenien kam – „What Makes a Man?“
Der lange Schatten Lenins reicht bis in Jahr 1970: Die Bürger*innen der Sowjetunion erweisen dem Staatsgründer Lenin ihre Ehre – am Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau.
Ein Zitat des sowjetischen Futuristen Wladimir Majakowski über Lenin rahmt die Filmhandlung ein: Ein Toter, der „heut lebender [ist], als die am Leben sind“. Bei einer Rundreise durch die Union der Sowjetrepubliken lernt das Filmteam Freund*innen „im vollen Umfang des Wortes“ kennen, ohne ihre Namen zu erwähnen: Begegnungen mit Menschen in der Sowjetunion im Jahr 1970.
Bei uns heißt sie Hanka / Pla nas gronje jej Hanka / Pola nas rěka wona Hanka
Grit Lemke
Sorbisches Leben in der Lausitz, heute. Begegnungen mit einem Volk, das sich seine Identität, Sprache und Kultur aus den Heimatmuseen in die bundesrepublikanische Gegenwart zurückholt.
Bei uns heißt sie Hanka / Pla nas gronje jej Hanka / Pola nas rěka wona Hanka
Bei uns heißt sie Hanka / Pla nas gronje jej Hanka / Pola nas rěka wona Hanka
Grit Lemke
Deutscher Wettbewerb Dokumentarfilm 2023
Dokumentarfilm
Deutschland
2023
92 Minuten
Deutsch
Untertitel: 
Englisch
Eine Grünfläche wie ein unbenutzter Teppich, gesäumt von einem sauberen Waldrand, dahinter die dampfenden Kühltürme eines Kohlekraftwerks – impressionistische Kameraeindrücke aus der Lausitz. Sie fassen in einem Schwenk zusammen, wie eine verbrauchte Nutzlandschaft sich zu rekultivieren versucht. Lassen sich in dieser seltsamen Künstlichkeit altansässige Identität und Sprache wiederentdecken? Die Regisseurin bereist die Gegend auf der Suche nach ihrer Herkunft. Hier, in der Lausitz, wurde sie geboren. Hier sind sie und das kleinste aller slawischen Völker beheimatet: die Sorben.
Sie denkt mit den Indigenen über die Assimilation dieser Kultur- und Sprachgemeinschaft nach, über die Geschichte ihrer Unterdrückung in den verschiedenen deutschen Systemen, über eine Region im Strukturwandel und über die identitätsstiftende Kraft von Worten – selbst wenn man sie erst neu lernen muss. Sie trifft eine deutsche Anna, aus der eine sorbische Hanka wird. Sie begegnet Menschen, die Traditionen mit Hingabe pflegen. Gerade die jüngeren Leute verstehen ihr Sorbisch-Sein auch als Bekenntnis zum Gemeinsinn, wenn nicht gar – wie die Künstlerin Hella – als alternative Lebensform. Zu alten und neuen sorbischen Klängen, entlang an den Reflexionen der Filmemacherin im Off entsteht das vielstimmige Porträt einer Nation in der Nation, die sich ihre Kultur aus den Heimatmuseen in den Alltag zurückholt.
Sylvia Görke
Credits
Regie
Grit Lemke
Buch
Grit Lemke
Kamera
Uwe Mann, Martin Farkas, Reiner Nagel
Schnitt
Sven Kulik
Produktion
Annekatrin Hendel
Co-Produktion
Thomas Beyer, Roman Nuck, Rolf Bergmann
Ton
Oliver Prasnikar
Sound Design
Michael Kaczmarek
Musik
Walburga Walde, Izabela Kałduńska
Nominiert für:
Gedanken-Aufschluss-Preis,
Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts,
DEFA Förderpreis,
VER.DI Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness
Die Behörden entscheiden über die Zukunft der Solidarność, die Massen protestieren in den Straßen. Der Generalstreik liegt in der Luft. Für einen Moment scheint der politische Umbruch möglich.
Während drinnen die kommunistischen Behörden über die Konditionen der staatlichen Registrierung der Bewegung Solidarność entscheiden, demonstrieren draußen breite Massen vor dem Gericht. Ein Zeitdokument des Augenblicks, in dem eine beständige kulturelle Öffnung durch die Macht des Volkes nicht mehr nur Verheißung, sondern Möglichkeit schien. Zum damaligen Zeitpunkt beim Leipziger Festival „unerwünscht“.
Ladislav Kudelka, Milan Černák, Ctibor Kováč, Štefan Kamenický
Der Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen im August 1968 aus slowakischer Perspektive. Zwischen Vorsicht und Entschlossenheit suchen Politik und Bevölkerung nach einer angemessenen Haltung.
Ladislav Kudelka, Milan Černák, Ctibor Kováč, Štefan Kamenický
Retrospektive 2023
Dokumentarfilm
Tschechoslowakei
1968
30 Minuten
Slowakisch
Untertitel: 
Englisch
„Bleiben Sie ruhig und besonnen!“ Panzerkolonnen ziehen sich endlos, Radiosender übertragen ihre vielleicht letzten Ansagen und die slowakische Kommunistische Partei trifft sich mit tschechischen Partei-Vertreter*innen. Wacklige Bilder und heulende Sirenen zeugen von der Anspannung, als die Warschauer-Pakt-Truppen zur Niederschlagung des Prager Frühlings auch in Bratislava einrücken.
Katharina Franck, Andreas Kötzing
Credits
Regie
Ladislav Kudelka, Milan Černák, Ctibor Kováč, Štefan Kamenický
Kamera
Vladimír Holloš, Leopold Bródy, Pavel Čilek, Oskar Šághy, Mikuláš Fodor, Rudolf Ferko
Schnitt
Juraj Lexmann, Anna Forischová
Produktion
Československý film Bratislava
Ton
Jozef Kováčik, Jaroslav Kopernický, Alexander Pallós, Ján Fabián
Rhythmisch collagierte Geräusche und Filmbilder begleiten den Abbruch eines Hauses in Ost-London und werden zum Proteststück gegen ein Autobahnnetz, das die Nachbarschaft zerstört.
Rhythmisch collagierte Geräusche und Filmsequenzen begleiten den Abbruch eines Hauses. In Interviewfragmenten berichten Menschen aus einer Nachbarschaft im Londoner Osten: Die Wohnbedingungen waren nicht komfortabel – igitt, diese Spinnen! –, aber die Familien hatten ein über Generationen gewachsenes Zuhause. Nun protestiert die Gemeinschaft gegen ihre Verdrängung durch ein Autobahnnetz.
Ein Ausflug zum Strand weitet sich zur Familienbeobachtung über zwei Generationen. Diese betörend minimalistische Dehnübung kommt mit wenig aus: Schwarz-Weiß und das tiefe Blau des Meeres.
Von einem dichten, pulsierenden Blau ist das Meer, an dem Weronika Szyma ihren Film angesiedelt hat. Der angrenzende Strand und die Familie, die sich dort aufhält, sind derweil auf feingliedrige Schwarz-Weiß-Strichzeichnungen beschränkt. Ihr Minimalismus lässt das Blau umso betörender hervortreten: Mal präsentiert es sich als horizontaler Streifen, der Freiheit verspricht, aber auch Unsicherheit schürt. Mal schwappt es diagonal über die Leinwand, verschluckt das Bild für einen kurzen Moment komplett und markiert eine Zäsur. Und Zäsuren gibt es so einige, denn die sieben Filmminuten umspannen die Geschichte gleich mehrerer Generationen.
Einmal verschwindet der Vater, und die Mutter und ihre erwachsen werdende Tochter sind ganz auf sich allein gestellt. Sie lernen, den Verlust zu begreifen, geben einander Halt, lassen Gesten der Distanz zu Gesten der Zuneigung werden. Bis das Vertrauen gewachsen ist, wieder von vorn anzufangen. Unveränderlich bleibt hier nur das Blau des Meeres.
Das emotional erschütternde Porträt der unerfüllten Kindheit eines ukrainischen Jungen, der zwischen der Tschernobyl-Katastrophe und dem Ausnahmezustand im Fluchtland Slowenien gefangen ist.
Das Reaktorunglück im Kernkraftwerk Tschernobyl im Jahr 1986 hat auch eine humanitäre Katastrophe ausgelöst. Viele waren betroffen, darunter auch der achtjährige Anatoli Risow. In „Boy, Bloodbrother of Death“ zeichnet Maja Weiss das emotional erschütternde Porträt der unerfüllten Kindheit eines Jungen, der zwischen dem apokalyptischen Szenario, zu dem seine ukrainische Heimatstadt wurde, und – schrecklich ironisch – dem nicht minder bedrohlichen Ausnahmezustand in Slowenien gefangen ist. In den Sommerferien soll sich Anatoli dort von den beängstigenden Zuständen zu Hause erholen. Doch im Kampf für die Unabhängigkeit von Jugoslawien wird auch der Fluchtort zum Krisengebiet.
Simon Popek
Credits
Regie
Maja Weiss
Buch
Gorazd Perko
Kamera
Bojan Kastelic
Schnitt
Sonja Peklenk
Produktion
RTV, UL AGRFT - Akademija za gledališče, radio, film in televizijo
Tschernobyl, 25 Jahre nach der Katastrophe. Was ist aus Anatolis Land, aus seinem Leben, seinen Träumen geworden? Was geschah mit den Hilfsgeldern? Viele Fragen bleiben offen.
Tschernobyl, 25 Jahre später. Maja Weiss trifft den Jungen von einst als jungen Mann wieder. Was ist in der Zwischenzeit geschehen – zwischen der Atomkatastrophe und der Aussicht auf eine weitere Tragödie? Wohin sind all die internationalen Hilfsgelder verschwunden, und wo versickerten die Millionen, die für den Wiederaufbau des verfallenden Sarkophags des Kernkraftwerks Tschernobyl bestimmt waren? Wohin führt mich mein Leben? Welches Erbe hinterlasse ich meinem Sohn? Dies sind nur einige der Fragen, die der Ukrainer Anatoli Risow, inzwischen erwachsen und zwanzig Jahre nach dem ersten Dokumentarporträt über sein von Krisen und Kriegen geschütteltes Schicksal, zu beantworten versucht.
2015, die Ablehnung von Geflüchteten durch die Bevölkerung im mitteldeutschen Tröglitz eskaliert in Gewalt. Zeichnungen und 3D-Animationen machen fühlbar, wie Hass das Gemeindeleben zersetzt.
2015 in Tröglitz: Der Bürgermeister organisiert eine Unterkunft für Geflüchtete. Er und seine Familie werden selbst zu Heimatlosen, denn für viele Bewohner*innen gehören Fremde nicht in ihr mitteldeutsches Zuhause. Zum Interviewton des Bürgermeisters machen die Zeichnungen und 3D-Animationen fühlbar, wie der enorme Hass das Gefüge in der Gemeinde zersetzt und die Menschen auseinanderreißt.
Der Rückblick auf eine DDR-Kindheit, verlebt am Meer, wo Grenzen und Freiheiten stets nah beieinanderlagen: eine poetische Autobiografie, verdichtet in Hunderten von Aquarellmalereien.
Sirenenhafter Gesang und rhythmische Lichtreflexionen leiten über zu einem lyrischen Text und skizzierten Silhouetten von Küstenabschnitten und Wellen. Zarte Linien und sanfte Schattierungen auf transparenten Folien bilden in der Überlagerung vielschichtige Netzwerke aus Formen und Strukturen. Was sich außerhalb der Leinwand befindet, schleicht sich über Spiegelungen ins Bild und mischt sich ein in die visuelle Gestaltung des Films. Damals und Jetzt begegnen sich und verschmelzen zu einer poetischen Erzählung über eine Kindheit in Stralsund, zu einer Zeit, als die Stadt noch Teil der DDR war. Eine eingezäunte, begrenzte Kindheit, eingerahmt von nächtlichen Flutlichtern, dem Grölen betrunkener Seemänner und dem bröckelnden Putz der vergrauten Fassaden und Mauern. Der Erzählerin gelingt es, diese bedrückende Festung hinter sich zu lassen. Ganz entkommen kann sie ihr jedoch nie. Die Erinnerungen, die sich wie grauer Staub über ihr Inneres gelegt haben, bleiben für immer haften.
Ein Aufschrei, ein freilaufender Papierhund und ein andauernder Schmerz: Die experimentelle Stop-Motion-Animation nimmt mit in die emotionalen Tiefen einer persönlichen Verlustgeschichte.
In nur neunzig Sekunden erzählt Marcus Grysczok eine berührende persönliche Verlustgeschichte und nimmt mit in große emotionale Tiefen. Tune in: ein elektronisch verzerrter Aufschrei. Der Protagonist spricht zu sich und zu jemandem, der nicht mehr in der Welt, aber umso mehr im Herzen beheimatet ist. Er sucht einen Ausweg aus der Ohnmacht. Er nimmt eine fremde Rolle an und eilt als freilaufender Papierhund durch reale Regalfächer und über Tischflächen, rennt vorbei an Personen auf schwarz-weißen Fotografien und Alltagsgegenständen, jagt sich selbst auf einem Tellerrand. Die Bilder vermitteln das Gefühl von einem Zuhause – einem Zuhause für die Erinnerung und für das Leben. Tune out? Sobald der Hund innehält, beendet die Wirklichkeit das rastlose Treiben und macht den andauernden Verlust bewusst. Sprachlich wie auch gestalterisch poetisch formuliert der Film einen bewegenden, doch unverklärten Abschied vom Bruder.
Mit Anfang zwanzig verließ Hiam Abbass ihr palästinensisches Heimatdorf und wurde ein internationaler Schauspielstar. Jahre später kehrt ihre Tochter, die Filmemacherin, mit ihr dorthin zurück.
Die in Frankreich lebende Schauspielerin Hiam Abbass ist einer der größten Filmstars aus dem Nahen Osten. Sie übernahm Hauptrollen in den prämierten Filmen des israelischen Regisseurs Eran Riklis, spielte in Steven Spielbergs „München“ und kürzlich im US-Serienhit „Succession“. Sie saß in der Jury der großen Festivals in Cannes und Berlin, stellte ihr eigenes Regiedebüt in Venedig vor. Sie ist aber auch: Mutter, Tochter und Schwester in einer großen palästinensischen Familie voller tatkräftiger Frauen. In dieser realen Rolle tritt sie im Werk ihrer Tochter Lina Soualem vor die Kamera und reist zurück in ihren Heimatort Deir Hanna im Norden von Israel – ein arabisches Dorf im jüdischen Staat.
„Öffne nicht das Tor zu vergangenen Sorgen“, zitiert die Regisseurin eine Art Dogma ihrer Verwandten. Es bezieht sich unter anderem auf die traumatische Vertreibung der Familie aus Tiberias, der Stadt am See Genezareth, im Palästinakrieg von 1948. Doch Soualem öffnet mit ihrer Konfrontation der familiären Geschichte auch Tore zu vergangenen Freuden und vermeintlich abgelegten Identitäten. Zwischen Home-Videos, historischen Archivaufnahmen, Fotos und Briefen zeigt Abbass eine berührende und nahbare Leinwandpräsenz in der Rückbesinnung auf ihre Wurzeln. Der lange Schatten der eigenen Herkunft fällt auch auf eine Frau von Welt.
Quatschmachen mit roter Nase? Von wegen! Clown*innen fordern die patriarchale Gesellschaft mit Anarchie und Subversion heraus und kultivieren den Spaß am kreativen Widerstand.
Clown*innen sind nicht nur Spaßmacher*innen, sondern halten der Gesellschaft einen Spiegel vor. Sie bewegen sich zwischen den Welten und brechen – meist mit einem Augenzwinkern – auch gern die Regeln. Dabei sind Clown*innen von Haus aus Expert*innen für Widersprüche, denn sie wissen einerseits, dass das Leben viel zu kurz ist, um traurig zu sein, und nutzen andererseits die Möglichkeit, mit ihrer Kunst nicht nur zu unterhalten, sondern Unterdrückung und Gewalt sichtbar und angreifbar zu machen.
So nehmen die Künstler*innen, die in diesem Film porträtiert werden, patriarchale Strukturen und gelernte gesellschaftliche Muster in den Blick. Wenn etwa Gözde mit ihren treffsicheren Performances die in der Türkei bis heute gängigen Frauenbilder hinterfragt und persifliert, dann wurzelt diese Kritik im eigenen Erleben – und ist genau deshalb so komisch. Lokke aus Deutschland betont hingegen den transformativen Aspekt der Clownerie, der es erlaubt, verschiedene Identitäten und Charaktere auszuprobieren, Festlegungen zu verweigern und Klischees der Lächerlichkeit preiszugeben. Jana Rothes stimmiges Kurzporträt stellt diese und andere clown*inneneske Haltungen zur Welt vor. Und man fragt sich, wie es eigentlich passieren konnte, dass wir im Alltag Spaß und Subversion der Rationalität geopfert haben.
Ein Schamane, halb Mensch, halb Tier, vollführt im Dschungel einen halsbrecherischen Tanz. Scharfsinnig versucht er, die Krokodile im Fluss zu täuschen, um das andere Ufer zu erreichen.
Ein malaiisches Märchen erzählt von Sang Kancil, dem listigen Zwergböckchen, das einen Fluss überquert, indem es die darin schwimmenden Krokodile dazu bringt, ihm eine Brücke zu bilden. Davon inspiriert, inszeniert Zhang Xu Zhan, einer der profiliertesten jungen Künstler Taiwans, die Flussüberquerung in seinem jüngsten Stop-Motion-Animationsfilm als halsbrecherischen Schamanentanz im tiefgrünen Dschungel, in dem akrobatisches Geschick an die Stelle der List tritt. Angespornt von Trommlern am Ufer, geleitet von hellen Glockentönen hüpft das kostümierte Wesen, halb Mensch, halb Tier, von Krokodilsrücken zu Krokodilsrücken, stets in Gefahr, mehr als nur Federn zu lassen.
Trotz der überwältigenden Komplexität der animierten Szenerie rufen die aus Pappmaschee von Hand gefertigten Figuren den verführerischen Reiz traditioneller javanischer Wayang-Schattenspiele in Erinnerung. Deren starres Szenenbild verwandelt sich hier in eine äußerst fluide Welt andauernder Transformationen und Metamorphosen, die in eigenartig geformten Spiegelscherben widerscheint und so eine Ahnung davon vermittelt, wie es wäre, mit Facettenaugen zu sehen.
Heimlich gefilmte Aufnahmen der Niederschlagung des Prager Frühlings: jahrzehntelang im Archiv versteckt und erst 22 Jahre später im Takt von Tschaikowsky zur Aufführung gebracht.
Keine Bilder von Wert, sondern „confused material“. Mit diesem Kommentar wurden jahrzehntelang Aufnahmen im Filmarchiv versteckt, die im August 1968 heimlich in Prag eingefangen worden waren. Evald Schorm nahm sich des illegalen Materials an und komponierte es passend zur expressiven Natur der Aufnahmen zum Takt von Tschaikowsky. 1990 konnte der Film endlich öffentlich gezeigt werden.
Katharina Franck, Andreas Kötzing
Credits
Regie
Evald Schorm
Kamera
Stanislav Milota, Jaromír Kallista, Jiří Macák, Ivan Vojnár, Jozef Ort-Šne, Jozef Ort-Šnep