Eine filmische Geisterbeschwörung: Ante Zlatko Stolica erinnert sich mit Horrorfilm-Versatzstücken an Kindheitsängste, die eine Frau aus dem Dorf seiner Großmutter in ihm auslöste.
In dieser filmischen Geisterbeschwörung erinnert sich Ante Zlatko Stolica an Kindheitsängste, die eine gehörlose Frau aus dem Dorf seiner Großmutter in ihm auslöste. Der Geist von Janja, eine Anspielung auf die slawische Märchengestalt Baba Jaga, suchte ihn in Träumen heim, lauerte an dunklen Orten und verbündete sich mit anderen Gruselfiguren. Stillleben, Horrorfilme und eine düstere Soundkulisse evozieren das Unbehagen, das den Regisseur, auch nach dem Tod von Janja, noch immer beschäftigt.
Im hessischen Dannenröder Forst bildeten sich 2019 Allianzen zwischen anarchischem und bürgerlichem Widerstand. Gemeinsam verteidigten sie Bäume gegen die Polizei.
Waldbesetzungen sind ein wichtiger Teil des Klimaaktivismus. Die „Okkupation“ des Dannenröder Forsts 2019 sollte dessen Rodung zugunsten einer Autobahn verhindern. Die da in luftiger Höhe in Baumhäusern ausharrten, waren darauf angewiesen, vom Boden aus unterstützt und versorgt zu werden. Zu Hilfe kamen ihnen Ortsansässige, die sich nie hätten träumen lassen, jemals einer Widerstandsbewegung anzugehören. Wie sich im Angesicht von Umwelt- und Klimazerstörung, im Wissen um die Ohnmacht von Worten ganz neue Allianzen bilden, zeigt David Klammers Film. Diese Allianzen könnten Bestand haben – selbst wenn die Bäume, wie im „Danni“, am Ende den Kettensägen zum Opfer fallen.
Die federlose Nachtigall hat die schönste Stimme im Wald. Alle Tiere freuen sich an ihrem Gesang. Als der Herbst kommt und sie sich erkältet, kann sie plötzlich nicht mehr singen.
Ach herrje, die Nachtigall hat ja gar keine Federn! Die anderen Vögel lachen sie aus, weil sie nicht fliegen kann. Dafür wiegt ihr Gesang den kleinen Bären in den Schlaf. Sogar die Eichhörnchen hören auf zu streiten und lauschen. Als der Herbst kommt und die Nachtigall sich erkältet, fühlt sie sich viel zu krank zum Singen. Da müssen die anderen Tiere sich etwas überlegen …
Mali ist 14, ein B-Girl und lebt fürs Breakdancing. Sie zieht zu ihrer Schwester in die große Stadt, um dort eine Tanzschule zu besuchen. Die neuen Herausforderungen sind riesig.
Im Kopf der 14-jährigen Mali dreht sich alles ums Tanzen. Sie ist ein B-Girl und lebt fürs Breakdancing. Gerade ist sie in eine große Stadt gezogen, um dort mit ihrer älteren Schwester zusammenzuleben – und um auf eine neue Schule gehen zu können, an der Tanzen zu den Hauptfächern gehört. Aber kann Mali mit all den anderen Tanzstilen umgehen? Und wird ihr Körper die Belastung aushalten?
Ein Vogel mit Schwanenhals, der sich in Hände schmiegt, eine Halbinsel der Sehnsucht, sanft bewaldet: Atsushi Wada’s Traum- und Schamlogik eines geschlechtlichen Erwachens.
Ein Junge, ein Mädchen, ein Vogel mit sich in Hände schmiegendem Schwanenhals, eine sanft bewaldete Halbinsel der Sehnsucht: Atsushi Wada’s in uniformen und unifarbenen Motiv- und Ereignisketten entwickelte, fast sprachlose Animation folgt der Traum- und Schamlogik eines geschlechtlichen Erwachens. Traurigkeit liegt über den rundlich-kindlichen Figuren, vielleicht die eines ersten „kleinen Todes“.
Sylvia Görke
Credits
Regie
Atsushi Wada
Schnitt
Atsushi Wada
Produktion
Emmanuel-Alain Raynal, Pierre Baussaron, Nobuaki Doi
Björks Gestalt nimmt übergangslos fantastische, organische Formen an. Ihr Song macht reinen Tisch: Tabula rasa, freier Entfaltungsraum für Kinder und deren eigene Fehler.
Die Gestalt der Sängerin Björk formt sich übergangslos zu Blütenblättern, zu Unterwasserwesen mit feinen Tentakeln und anderen fantastischen, organischen Erscheinungen jenseits jeglicher Zuordnung. Zur anmutigen Computeranimation von Tobias Gremmler macht Björk im Gesang reinen Tisch: Tabula rasa, freier, unbelasteter Entfaltungsraum für nachgeborene Kinder und deren Chance auf eigene Fehler.
Eine zehntägige Kanufahrt über norddeutsche Gewässer stellt Enkelin Astrid, ihren Bruder und ihre demenzkranke Oma auf die Probe. Das Erfordernis: Neujustierungen im Minutentakt.
Etwas tüdelig ist Oma geworden. Und seit dem Tod ihres Mannes, genannt E.O., tun sich immer größere Gedächtnislücken auf, nimmt die Orientierungslosigkeit zu. Regisseurin Astrid Menzel fasst einen Entschluss: Gemeinsam mit ihrem Bruder und der 86-jährigen Dame soll es auf eine zehntägige Kanufahrt über norddeutsche Gewässer gehen. Ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang, dem sich die drei Reisenden von Etappe zu Etappe neu stellen müssen.
In den Himmel schauen, den sich verändernden Wolkenformationen zusehen, ganz gegenwärtig sein. Dinge, die Astrid Menzels Großmutter mit fortschreitender Demenz leichter fallen. Pferde und Betten sind dort oben erkennbar, und manchmal gibt es auch Gedanken an den verstorbenen E.O. Eine Ereigniskette der Auflösung hat sich in Gang gesetzt: Das geliebte Haus ist unübersichtlich geworden, ein Heim für Oma wird gesucht, quälende Schuldgefühle auf Seiten der Angehörigen. Enkelin Astrid spürt Handlungsbedarf. Behutsam und mit unermüdlicher Geduld involviert sie die Seniorin in die Vorbereitung und Durchführung der Kanutour, die wohl alle Unerprobten vor Herausforderungen stellen würde: tagein tagaus auf den Flüssen unterwegs, nahezu jede Nacht ein anderer Schlafplatz. Alt und Jung suchen nach Strategien, miteinander umzugehen. Rummikub-Partien und das Anfertigen eines Reisetagebuchs verankern, doch auch emotionale Einbrüche sind Teil des Unterfangens.
Eine Gruppe von Figuren aus Perlen und Bauklötzen bewegt sich im gleichen Rhythmus – bis die kleine grüne Figur auch Perlen tragen soll. Alles gerät aus dem Takt.
Die kleine grüne Figur läuft den Berg hinauf zu den anderen Figuren, die aus Perlen und kleinen Bauklötzen gemacht sind. Alle bewegen sich im gleichen Rhythmus, nach links und nach rechts, rauf und runter. Eines Tages soll sich auch die kleine grüne Figur mit Perlen schmücken. Doch damit wird alles aus dem Takt gebracht. Das Getriebe kommt zum Stillstand.
Ein wilder Stop-Motion-Animadok-Trip in die Glitzerträume eines Astronauten, der seinen Mut zusammennimmt, um sich der Welt so zu zeigen, wie er ist. Kurs auf Sternzeit LGBTQAI+.
Ein wunderbar wilder Stop-Motion-Animadok-Trip in unbekannte Welten, in dem sich der achtzehnjährige Astronaut Fatu einer Herausforderung stellt, die für ihn so nervenaufreibend ist wie eine Mondexpedition. Er will im Supermarkt einkaufen gehen – zum ersten Mal so, wie er sich selbst sieht: in vollem Glam-Make-up. Wie wird seine aus dem Kosovo stammende Familie diese neuen Koordinaten aufnehmen? Kommt es zur Kollision zwischen Eigen- und Fremdbild? Kurs auf Sternzeit LGBTQAI+.
Filip und Tereza haben außer der Wand zwischen ihren Wohnungen wenig gemeinsam. Frei nach Gorki lässt Špela Čadež die Puppen tanzen: ein Pas de deux der benachbarten Einsamkeiten.
Filip wohnt neben Tereza, er ein Schriftsteller mit Schreibblockade, sie eine alternde Prostituierte. Die beiden haben nicht viel gemeinsam, außer der Wand zwischen ihren Wohnungen. Eines Tages bittet ihn Tereza, einen Brief an ihren Verlobten zu schreiben. Doch dabei soll es nicht bleiben … Špela Čadež lässt die Puppen frei nach Maxim Gorki tanzen: ein Pas de deux der benachbarten Einsamkeiten.
2014 zerstörten russische Separatisten im ostukrainische Torezk Häuser und Familien. Nach der Kohle grub sich der Krieg in Landschaft und Alltag ein – und wurde zur Normalität.
Torezk in der Ostukraine ist gezeichnet vom Niedergang der Kohleindustrie: Brachen, Schutt, Schrott. 2014 brachten russische Separatisten den Krieg in die Gegend, zerstörten Häuser und Familien, auch die von Nastja. Das Mädchen und ihre Freunde, alle an der Schwelle zum Erwachsenwerden, nehmen die unter Bedrohung und Depression verwahrlosenden Stadtränder als Normalität hin. Taras Tomenko beobachtet ihre kleinen getanzten oder gesungenen Fluchten, ihre Selbstvergessenheiten, manchmal auch ihre Tränen.
Sylvia Görke
Credits
Regie
Taras Tomenko
Kamera
Misha Lubarskyi
Schnitt
Viktor Malyarenko
Produktion
Volodymyr Filippov, Andriy Suyarko, Alla Ovsyannikova
Wer in die EU will, stößt an Grenzen. Wer helfen will, auch. Ein aufrüttelnder Film über den „Dschungel“ zwischen Belarus und Polen, der im Winter 2021 zur Menschenfalle wurde.
Im November 2021 versuchten Menschen, über Belarus und Polen in die EU einzureisen, doch die Route erwies sich als lebensgefährliche Falle. Um keinen Fluchtkorridor zu schaffen, wurden alle Zugänge zum Grenzgebiet gesperrt. Männer, Frauen und Kinder steckten im Niemandsland fest – mitten im Winter, mitten im Wald, wochenlang. Der Film begleitet polnische Aktivistinnen auf ihrem Einsatz. Sie erfahren, dass humanitäre Hilfe, genau wie die Hilfebedürftigen selbst, an Grenzen stößt.
Die Mutter fängt an zu trinken, als der Regisseur acht Jahre alt ist. Eine Trauma-Verarbeitung mittels tanzender Pixel und Körper, die Gendernormen in Frage stellen.
Die Mutter fängt an zu trinken, als er acht Jahre alt ist. Jan Koester projiziert auf seinen Körper Fotos seiner Kindheit, die von Einsamkeit und Hilflosigkeit in toxischen Beziehungen erzählen. Diese Rorschach-artigen Überlagerungsbilder setzen leibliche Abstraktionen ins Verhältnis zu ihren gewaltsamen und entfremdeten Umwelten. Zwischen fluiden und stockenden Bewegungen changierend, dekonstruieren ineinander verschobene und aneinander zerrende Pixel vorherrschende Gendernormen.
Drei Ehepaare aus unterschiedlichen Milieus, vereint hinter den Fenstern desselben Potsdamer Hochhauses – und in Petra Tschörtners Interviewfilm über Sehnsucht, Krise und Familie.
Erst nach der Trennung von ihrem Mann sagt ihr ein anderer, wie wertvoll sie ist: Familie Chladek, sie Lehrerin, er Student. Die ersten Jahre habe es eigentlich nur gekracht: Familie Surau, er Klempner, sie Postangestellte. Sollte sie sich abends wirklich fortbilden wollen, dann könne er das nicht akzeptieren: Familie Lehmann, er Schlosser, sie Dozentin. Drei Ehepaare um die dreißig leben in jenem Potsdamer Hochhaus, hinter dessen Fenster Petra Tschörtner für ihren Abschlussfilm geblickt hat. Lange Interviews, die sofort die Oberfläche durchdringen, so aufschlussreich wie bedrückend – und bei den Westdeutschen Kurzfilmtagen in Oberhausen prompt mit einem Preis ausgezeichnet.
Der siebenjährige Robert aus Erfurt kämpft gegen seine Pfunde und alles, was damit einhergeht: Hänseleien, verlockende Kuchenbasare. Christiane Hein fühlt sich ein, fragt nach.
„Alle sagen, die Dicken essen zu viel. Aber ganz so einfach ist das nicht“, erklärt Christiane Hein gleich zu Beginn ihres Films, der den siebenjährigen Robert Becher aus Erfurt bei seinem Kampf gegen die Pfunde begleitet. Die Etappen reichen von einem Diätsanatorium samt „Safttag“ über erniedrigenden Schulsportunterricht bis hin zu einem Besuch bei Verwandten auf dem Land, wo Robert ein Leben fernab von Hänseleien und Selbstgeißelung erfährt. Hier lässt der Junge los – nicht leicht, wenn die Gedanken ans Gewicht den Alltag umzäunen. Immer wieder platziert Regisseurin Hein eine Waage als Symbolbild, die an ein guillotinenhaftes Folterinstrument erinnert. Ein mitfühlendes Porträt.