Großvater Wahrsager, Vater Bauunternehmer, Sohn Filmemacher: Ein Generationenporträt über Tradition und Veränderung, Gewalt und Entfremdung in der chinesischen Gesellschaft.
„Wenn ich tot bin, zeig deinen Film auf meiner Beerdigung!“ Zuogui, Großvater des Regisseurs, ist 86 und seit Kindheitstagen blind. Der Beruf des Wahrsagers war für ihn ein Ausweg aus der Armut. Noch immer bitten ihn Menschen um Auskunft, auch sein Sohn Donggu, ein Bauunternehmer: „Papa, wie ist mein Schicksal im nächsten Jahr?“ In seinem Generationenporträt über Vater und Großvater erzählt Wei Deng von Tradition und Veränderung, Gewalt und Entfremdung in der chinesischen Gesellschaft.
Blasse Grautöne und schwache Lichtquellen schaffen eine Atmosphäre, die den düsteren Erinnerungen an Hungersnöte, verstorbene Geschwister und die gewaltsam durchgesetzte Ein-Kind-Politik zu entsprechen scheint. Nah bleibt die Kamera am Großvater, wenn er sich an der Fassade seiner Wohnung entlangtastet. Die Orientierung in der eigenen Umgebung ist schwieriger geworden, seit Donggu das alte Haus abreißen und ein neues errichten ließ. Mit dem modernen China, das für Wirtschaftsboom und Prosperität stehen will, kann Zuogui wenig anfangen. Erst als ein weiteres Bauprojekt seines Sohns zu scheitern droht, vor dem der Wahrsager gewarnt hatte, scheint wieder Zuneigung zwischen beiden möglich.
Jan-Philipp Kohlmann
Credits
Regie
Wei Deng
Kamera
Wei Deng
Schnitt
Wei Deng
Produktion
Wei Deng
Nominiert für:
FIPRESCI Preis,
Preis der Interreligiösen Jury
Perspektivenwechsel zur Migration nach Europa: Weil sie aus Sehnsucht nach ihren Kindern zurückgekehrt ist, erfährt Fati in ihrem ghanaischen Heimatdorf wenig Verständnis.
Ein Strand erinnert an Fatis jüngste Vergangenheit. Über den Seeweg kam sie nach Italien, ohne Papiere, zum fünften Mal schwanger. Aus Sehnsucht nach den Kindern kehrte sie sechs Monate später – ohne Mann – nach Ghana zurück. Ihr Umfeld kann diese Entscheidung nicht verstehen. „Du hast Mist gebaut“, sagt eine Freundin. „Was erzähle ich den Leuten?“, fragt eine Schwester. Doch Fati will für ihre Familie sorgen. Auch wenn sie drei der Kinder noch aus der Obhut der Schwiegereltern befreien muss.
Widmen sich zahlreiche Dokumentarfilme der letzten Jahre den Erfahrungen von Menschen, die in der EU ankommen und in die unwürdigen Verhältnisse der Asylpolitik geraten, zeigt die Arbeit der ghanaischen Regisseurin Fatimah Dadzie einen Perspektivwechsel. In Fatis Heimatort gilt Europa als Paradies – und welcher Dummkopf würde von dort schon freiwillig abhauen? Ihr Prestige hat die Rückkehrerin damit verloren. Die soziale Ausgrenzung zeigen ihre Angehörigen hier als Talking Heads direkt vor der Kamera. Wenn der Film hingegen Fatis Voiceover über Alltagsbilder von Care-Arbeit und Straßenverkauf legt, verleiht er der standhaften Protagonistin seine Stimme.
Ein Schlagpendel schreibt direkt auf die Filmtonspur und produziert so analoge elektronische Bleeps und Bits. In farbig wechselndem Licht verändern Schatten ihre Gestalt.
Die Whitney-Brüder sind Pioniere der abstrakten Animation. 1943/1944 experimentierten sie in fünf Filmetüden mit modernistischen Formen und einem eigenen Apparat, der mittels Schlagpendel direkt auf die Filmtonspur schrieb. Zu den so entstandenen analogen elektronischen Bleeps und Bits bewegen sich in farbig wechselndem Gegenlicht Schablonen im Raum. Ihre Schatten verändern ihre geometrische Gestalt.
Geisterhafte Lichtwesen leben in kurzen tänzerischen Etüden auf. Zu perkussiven Klängen dehnen sie sich zu hageren Formen oder fächern sich tausendlagig wie exotische Tiere auf.
Dunkle, perkussive Klänge rufen anthropomorphe Wesen an. Sie leben in kurzen tänzerischen Etüden auf. Optisch manipuliert, dehnen sie sich zu hageren Formen, fächern sich tausendlagig wie exotische Tiere auf, zerlaufen zu abstrakten Gemälden. Sie sind reine Lichtwesen: flüchtig, immateriell. Das rhythmische Klangmotiv färbt mit mal prägnanten, mal gehauchten Variationen ihre Bewegungen ein.
Erst nach vielen Jahren kann Amin seine wahre Geschichte erzählen. Ein preisgekrönter animierter Dokumentarfilm über die traumatische Fluchterfahrung aus Afghanistan nach Dänemark.
Amin konnte viele Jahre nicht über seine Fluchterfahrung sprechen. Erst jetzt findet er den Mut und öffnet sich seinem Schulfreund, dem Filmemacher Jonas Poher Rasmussen. Seit seiner frühesten Kindheit war Amins Leben geprägt von politischen Unruhen in seinem Geburtsland Afghanistan und bald auch vom Erwachsenwerden ohne ein stetes Zuhause. Seine schmerzhaften Erinnerungen werden in eindrücklichen Animationen dargestellt und mit dokumentarischem Material verwoben.
Dass eine Flucht nicht von Punkt A nach Punkt B verläuft und dann einfach endet, ist keine neue Erkenntnis. Wie steinig und verworren es sich tatsächlich gestaltet, zeigt sich an Amins Geschichte, die von Afghanistan über Russland, Estland und einige andere Stationen nach Dänemark führt. Erst als sein Leben mit bevorstehender Hochzeit und guter Karriere in sicheren Bahnen verläuft, findet er die Kraft zu berichten, was er durchmachen musste, um heute dort zu sein, wo er ist. In einem fast psychoanalytisch anmutenden Setting erzählt der Protagonist – im Liegen – von seiner Vergangenheit. Die Narration bewegt sich spiralförmig zwischen Damals und Heute und ermöglicht immer wieder Atempausen zwischen den traumatischen Eindrücken, die durch ergreifende Animationen fast körperlich spürbar werden. Nicht von ungefähr kommt, dass „Flee“ bereits mehrfach preisgekrönt ist und schon jetzt als ein „instant classic“ gilt.
Kim Busch
Credits
Regie
Jonas Poher Rasmussen
Buch
Jonas Poher Rasmussen, Amin
Schnitt
Janus Billeskov Jansen
Produktion
Monica Hellström, Charlotte De La Gournerie, Signe Byrge Sørensen
Eine Vitrine zeigt ein Stück Erdreich mit Pflanzen – plastisch, aber doch nur digitales Abbild. Waldgeräusche erwecken Blätter und Blüten, eine organische Rebellion flammt auf.
Eine Vitrine zeigt ein Stück Erdreich mit Pflanzen – plastisch, aber doch nur digitales Abbild. Der Ton verrät einen sterilen Ausstellungsraum. Mit dem Einsetzen von Waldgeräuschen lösen sich Stiele, Blätter und Blüten in Partikel und Schichten auf. Wie aus einem Koma erwacht, flammt eine organische Rebellion auf, ein kurzzeitiges Aufbegehren gegen die technisch perfekte Simulation von Natur.
Eine poetische Porträtskizze in analoger Filmästhetik: Das Leben am und im Wasser bestimmt den Alltag einer Frau, die ein Frachtschiff liebevoll zum Hausboot umgebaut hat.
Alles plätschert in dieser poetischen Porträtskizze: der Regen aufs Dach, der Hund in der Pfütze, die Enkel im Planschbecken und die Protagonistin in der Moldau. Eine Frau mittleren Alters hat ein Frachtschiff liebevoll zum Hausboot umgebaut. In impressionistischer, analoger Ästhetik fängt der Film ihren neuen Alltag ein, vom Morgenkaffee im Bademantel bis zur letzten Zigarette an Deck in der Dämmerung. Sie scheint sich einen Wunsch erfüllt zu haben – ein Leben am und im Fluss.
True Crime in Brüssel: Inspektor Lemoine muss den Mord an einer Prostituierten aufklären. Durch den Fund von ein paar Pommes gelingt es ihm, dem Täter auf die Spur zu kommen.
In Belgien und Frankreich ist die Doku-Serie „Strip-Tease“ echter Kult. Die Macher der Fernsehproduktion haben nun gut zwanzig Jahre altes Material zu einem in dreckigem Schwarz-Weiß gehaltenen Krimidokumentarfilm verarbeitet. Die Brüsseler Kripo ermittelt in einem Mordfall: Eine Gelegenheitsprostituierte wurde in ihrer Wohnung umgebracht. Durch den Fund von ein paar Pommes gelingt es, dem Täter auf die Spur zu kommen. True Crime.
Kalima Sissou hieß die Tote. Schnell steht ihr Ex-Freund Alain im Zentrum der Ermittlungen, und so sehen wir in unverfälschten, rohen Bildern Inspektor Lemoine und seinen Kollegen bei der Arbeit zu: am Tatort, beim Vernehmen von Zeugen und eben auch im Kreuzverhör mit dem Hauptverdächtigen. Jean Libons und Yves Hinants schräge Mischung aus düsterem Krimi und absurder Realkomik mangelt es trotz der Ernsthaftigkeit der Vorgänge nicht an (schwarzem) Humor. Gedreht im schlichten Cinéma-vérité-Stil, beschönigt der Film nichts von dem, was er zeigt. Gestalterisches und konzeptionelles Vorbild ist natürlich die 1985 von Libon mitentwickelte Serie „Strip-Tease“, die weithin bekannt war für ihre unkonventionelle und unverblümte Art, auch heikle Themen durchaus politisch unkorrekt anzugehen. „For a Fistful of Fries“ setzt dies fort und führt ganz dicht heran an das oftmals unglaublich profane Geschehen.