Im sizilianischen Städtchen Siculiana legt man sein Schicksal in die Hände eines schwarzen Christus, traut den afrikanischen Flüchtlingen aber nicht so richtig über den Weg.
In Siculiana, einem sizilianischen Städtchen mit abblätternden Fassaden, wird Religiosität selbstverständlich gelebt. Und selbstverständlich ist die hier verehrte Jesus-Christus-Figur schwarz, schon immer. An die dunkelhäutige Nachbarschaft im Flüchtlingslager können sich manche allerdings nicht gewöhnen. Die Kamera begleitet Einheimische und Gestrandete auf ihren Wegen, die oft zur Kirche, aber nicht unbedingt zusammenführen, und zeichnet dabei eine Art Stadtkarte in Schwarz-Schwarz-Kontrasten.
Es sei still geworden in Siculiana, erzählt ein Ortsansässiger. Die lauten Demonstrationen gegen die zum Auffanglager für Flüchtlinge umgewidmete Villa Sikania meint er nicht. Und schon gar nicht das bunte Treiben, das die Stadt alljährlich erfasst, wenn sich die Gläubigen auf das Fest der Kreuzauffindung vorbereiten. Dann hängt man das „Benvenuti“-Schild auf. Aber für wen gilt dieses Willkommen? Pomp und Circumstance der Feierlichkeiten stehen im Zentrum eines filmischen Gemeinschaftsporträts, in dem das vorgeblich Gemeinsame in Stimm- und Hautfarben zerfällt: zwischen den Schwarzen aus der Fremde und dem Schwarzen am Kreuz, der sich – so eine ältere Dame – zwecks Inkorporation der menschlichen Sünden habe „verdunkeln“ müssen. Zwischen einer zur Kulisse stilisierten, vergreisenden Stadt und Gottes zugereisten, Zukunft versprechenden Kindern, die wieder Leben in die Gassen bringen könnten.
Sie betreut für fünf Euro Stundenlohn Senioren zu Hause. Am Bett der Pflegefälle zählt das Ticken der Uhr den Arbeitstag herunter und stolpert beängstigend, wenn der Tod kommt.
Zwischen Kommen und Gehen erstreckt sich eine bleierne Zeit, ein Halbleben im linolschnittartigen Hell-Dunkel. Die Mutter der Erzählstimme betreut für fünf Euro Stundenlohn Senioren zu Hause. Am Bett der Pflegefälle zählt das Ticken der Uhr den Arbeitstag herunter, eingeklemmt zwischen dem beängstigenden Geräusch des schweren Atems vor dem nahen Tod und dem Dröhnen des Versprechungen machenden Fernsehgeräts. Die Sterbenden sind Mutters Lebensunterhalt.
Eine belgische Filmemacherin und ihre Begegnung dem Westberlin der späten 1970er Jahre: die Kunst des nächtlichen Streunens durch ein von Geschichte durchtränktes Terrain.
Lange Wanderungen durch fast menschenleere Stadträume, die selbst Ende der 1970er Jahre noch ausgeprägte Narben des Zweiten Weltkriegs aufweisen: Eine belgische Filmemacherin begegnet Westberlin. Sie versucht, sich in diesem von europäischer Geschichte durchtränkten Terrain neu zu justieren und filmt diese Transformation in der ersten Person Singular. Die auf körnigem 16mm-Material festgehaltenen Bilder der Dämmerung lassen Berlin wie eine Stadt erscheinen, die tief im Osten liegt, obwohl sie sich selbst als westlich geprägt versteht. Doch Annik Leroy misstraut den Spiegelbildern: Sie helfen nicht, wenn man klarer sehen will.
Ralph Eue
Credits
Regie
Annik Leroy
Buch
Annik Leroy
Kamera
Annik Leroy
Schnitt
Eva Houdova, Daniel De Valck
Produktion
Gamma Films, ZDF, Centre de l'Audiovisuel à Bruxelles (CBA)
Bertha ist entschlossen, die wilden Wölfe in ihrem Leben zu zähmen. Ihrer Krankheit, die sie im Alltag einschränkt, setzt sie Pinsel, Farbpalette und Zeichenstift entgegen.
Bertha liebt es zu zeichnen. Im Alltag braucht sie Hilfe, denn sie hat eine seltene Krankheit, durch die sie nur eingeschränkt sehen kann. Doch Bertha lässt sich nicht entmutigen. Gemeinsam mit einem bekannten Maler hat sie eine Ausstellung organisiert. Die Verkaufserlöse gehen in die Erforschung ihrer Krankheit, des sogenannten Wolfram-Syndroms. Kann Bertha die wilden Wölfe in ihrem Leben zähmen?
Corona-Lockdown in Sankt Petersburg. Aufgezeichnete Anrufe bei einer Hilfe-Hotline werden zum Spiegelbild eines maroden Systems, in dem alte und schwache Menschen besonders leiden.
Sankt Petersburger Hinterhöfe während des Corona-Lockdowns. Tatyana Chistova verschmilzt Aufnahmen der fast leeren Stadt mit den aufgezeichneten Anrufen bei einer kommunalen Hotline. Sie soll Hilfe und Rat bieten. Das Themenspektrum reicht aber von Banalem bis zu existenziellen Fragen. Vor allem ältere Menschen sind von Armut, Hunger und Vereinsamung betroffen. Chistova zeigt auf, dass in einem System, welches seine Schwächsten vernachlässigt, das Virus nicht die einzige Bedrohung ist.
Überwachungskameras, Waffendepots, schusssichere Kammern: Ein riesiger Wirtschaftszweig reagiert in den USA auf das Bedrohungsszenario Amoklauf in Highschools. Was ist Sicherheit?
deutsche Untertitel für Menschen mit eingeschränkter Hörfähigkeit
An amerikanischen Highschools ist das Bedrohungsszenario Amoklauf allgegenwärtig geworden. Neben regelmäßigen Übungen zum Verhalten bei einem Angriff gehören Securitykräfte und Metalldetektoren zum Alltag in den Schulen. Im Namen der Sicherheit beschäftigt sich ein ganzer Wirtschaftszweig damit, schusssichere Hoodies und Tafeln zu entwickeln, Lehrpersonal zu bewaffnen und noch mehr Überwachungstechnik aufzustellen. Ist das Prävention? Oder eine sich selbst erfüllende Prophezeiung?
Während Cheerleader proben, Basketballteams spielen und man Homecoming-Queens kürt, bereiten die Erwachsenen im Hintergrund den Ernstfall vor: Was tun, wenn eine Schule – von außen oder von innen – angegriffen wird? Verhaltens- und Meditationstrainings, die Gewalt überhaupt verhindern sollen, sind eine Sache. Mehr Geld geht jedoch in die Aufrüstung. Die sogenannte Sicherheitsbranche hat sich die Schulen als Markt längst erschlossen. Todd Chandlers zurückgenommene Beobachtung schaut auf Waffenindustrie, Dienstleistungsgewerbe und Medien, auf Sozialpsychologinnen und Sozialpsychologen, auf Lehrerinnen und Lehrer gleichermaßen. Klug fokussiert er sich nicht auf einzelne Schulen oder Fälle, sondern darauf, wie ein ganzes System auf eine Bedrohung reagiert.
Dreck fressen und lustvoll rülpsen – ein Wurm gibt sich mit diesem peinlichen Evolutionsergebnis für seine Spezies nicht zufrieden. Er zieht aus, um Besseres zu lernen.
Dreck fressen und lustvoll rülpsen – ein Wurm gibt sich mit diesem peinlichen Evolutionsergebnis für seine Spezies nicht zufrieden und zieht aus, um Besseres zu lernen. Aber die Nachahmung von vielbeinigen und geflügelten Insekten sorgt nicht für distinguiertes Benehmen, sondern birgt Todesgefahren. Grandios belegt Ethan Barrett, dass Knete auf der Entwicklungspyramide der Animationsgeschichte ganz weit oben steht, vor allem, wenn sie mit solcher Leichtigkeit und so pointiert vertont wird.
Ein verkannter Filmemacher will Teil der großen Branche sein, will sich verkaufen und gekauft werden. Heftig sprudeln die Wortblasen aus dem kleinen Handbuch der Selbstvermarktung.
Ein Genie des Independent-Films blickt auf sein bislang verkanntes Werk zurück. Fortan will er die Hände von der brotlosen Kunst lassen, will Teil der großen Branche sein, will sich verkaufen und gekauft werden. Leuchtende Zukunft in greifbarer Nähe. Sprudelnde Wortblasen aus dem kleinen Handbuch der Selbstvermarktung. Brennender Ehrgeiz. Ätzender Sarkasmus. Beißende Ironie.
Nachdem Elise eines Tages ein Papierflieger ins Haus flattert, bekommt sie unerwarteten Besuch von Emil. Nun ist alles anders als vorher. Und eigentlich sogar viel schöner.
Elise ist eine ängstliche Frau. Sogar vor Bäumen fürchtet sie sich. Als eines Tages ein Papierflieger durch ihr Zimmerfenster segelt, kann sie nachts vor Aufregung kein Auge zutun. Am nächsten Morgen klopft Emil, ein Junge mit Baseballkappe, an ihre Tür. Er sucht seinen Flieger und aufs Klo muss er auch. Plötzlich verändert sich Elises Leben auf wundersame Weise.
Filmische Ahnenforschung: Ein Enkel will die grenzenlose Liebe seiner Großeltern dokumentieren, kann aber bei näherer Betrachtung des Mythos die familiären Abgründe nicht übersehen.
Ein junger Mann trifft eine junge Frau und beide verfallen einander. Ein Haus wird gebaut, Kinder kommen zur Welt, die märchenhafte Geschichte einer grenzenlosen Liebe nimmt ihren Lauf. Ein Enkel macht sich daran, den Mythos der Romanze seiner Großeltern zu erkunden, und versucht, den verstorbenen Großvater mithilfe aller verbliebenen Verwandten filmisch zu ehren. Kein leichtes Unterfangen, wenn vielleicht doch nicht alles so war, wie es die familiäre Überlieferung will …
Bei seiner Suche fördert Rocco Di Mento alte 8mm-Privatfilme, einen nie veröffentlichten Roman, diverse Liebesbriefe und eine ganze Menge lange verdrängter Gefühle zutage. Kaum verwunderlich, dass diese Gemengelage schließlich eine Eigendynamik entwickelt. Plötzlich geht es nicht mehr nur um die Suche nach der großen Liebe, sondern auch darum zu fragen, was Menschen über Beziehungsstatus und Verwandtschaftsgrad hinaus zusammenhält und wie Vergebung möglich wird, obwohl man schon nicht mehr daran geglaubt hat. Eine geschickt gebaute Familienaufstellung voller italienischem Temperament, in der Spannung, Rührung und Wahrhaftigkeit eine unentwirrbare Verbindung eingehen. Denn: „Auch wenn du gehst, du bleibst immer ein Teil deiner Familie.“
Luc-Carolin Ziemann
Credits
Regie
Rocco Di Mento
Kamera
Sabine Panossian
Schnitt
Antonella Sarubbi, Valentina Cicogna, Rocco Di Mento