Die Selbstmordrate unter Landwirten in Indien ist erschütternd. Die zurückbleibenden Frauen, nun allein für die Kinder und Schuldenberge verantwortlich, solidarisieren sich. Kraftvolles Kino!
Sanjivani, eine junge Frau aus einer ländlichen Gegend im Bundesstaat Maharashtra in Zentralindien, ist eine liebevolle, zärtliche Mutter. Nach dem Selbstmord ihres Ehemannes lebt sie bei ihrem Schwager, für den sie auf den Feldern arbeiten muss. Für ihre zwei Kinder ist sie nun allein verantwortlich, konfrontiert mit einem Schuldenberg, den ihr Ehemann hinterließ, und Strukturen einer patriarchalischen Gesellschaft, die Witwen wie sie entmündigt und unsichtbar werden lässt. Erst als sie sich einer Gruppe von Frauen anschließt, denen ein ähnliches Schicksal widerfuhr, gewinnt sie langsam an Selbstbewusstsein. Denn sie ist mit ihrer Verzweiflung und Trauer nicht allein – die Selbstmordrate unter Bauern, die sich angesichts ausfallender Ernten und der Dumpingpreise auf dem globalisierten Markt das Leben nahmen, erschüttert: 400.000 in den letzten zwanzig Jahren. Kinshuk Surjan beobachtet Menschen und Umstände nicht nur mit Anteilnahme, sondern er steht auch für ein Kino, das Einfluss nimmt. Denn die Frauengruppe, die er hier begleitet, hat sich erst durch sein Filmprojekt zusammengefunden. In beeindruckenden Bildern und mit Feingefühl für die porträtierten Protagonist*innen gelingt nicht nur eine sorgfältige Darstellung hochkomplexer Zusammenhänge, sondern auch eine wahrhaftige dokumentarische Intervention: ein Eingriff in unzumutbare Verhältnisse – mit dem Ziel ihrer Besserung.
Ein makabres, hypnotisches Kinderlied vom Soldaten Mario und seiner enttäuschten Liebe kündet von einem brutalen Mord. Erinnerungsbilder fließen ineinander und lassen erschauern.
Ein makabres italienisches Kinderlied erzählt die Geschichte von Mario, einem Soldaten, der nach seiner Heimkehr aus dem Krieg erfahren muss, dass seine Freundin ihn für einen anderen Mann verlassen hat. Mario beschließt, sie zu töten. Der Film greift die ambivalente Stimmung des Liedes auf und verstärkt dessen Vibration im Raum zwischen unbedarftem Kinderspiel und brutalem Mord.
Ein „kinematografisches Bild Niederländisch-Indiens 1912 – ca. 1933“, montiert aus stummem Filmmaterial der Kolonialherren, lernt sprechen: in den Geschichten der Kolonialisierten.
Als „kinematografisches Bild Niederländisch-Indiens 1912 – ca. 1933“ bezeichnet Vincent Monnikendam seinen Archivfilm im Nebentitel. Damit nähert er sich der umständlich-buchhalterischen Sprache der niederländischen Behörden, in deren Auftrag das von ihm remontierte Filmmaterial seinerzeit entstand. Er verdichtete rund 280.000 Meter Nitrofilm, professionell gedreht, aber weitgehend roh belassen, zu einer Kompilation über die indigenen Menschen und ihre zugereisten Herrscher in der ehemaligen Kolonie. Das ursprünglich stumme Material wird beredt – nicht durch einen einordnenden Kommentar, sondern in den Liedern und Geschichten der Kolonialisierten. Die Bilder bleiben unverändert. Aber lesen muss man sie neu.
Eine wunderbare Sammlung kleinster Bewegtbildmomente voller Klugheit, Witz und Poesie. Das Kleine, mit der Lupe betrachtet, bietet Raum für Überraschungen – und große Erkenntnisse.
Eine wunderbare und hochpoetische Sammlung kleinster Bewegtbildmomente, die uns durch clevere Kameraperspektiven und klug gewählte Bildausschnitte, durch Lichtsetzung, Montage und die verwendeten Materialien ästhetischen Hochgenuss schenkt. Dieses Archiv der Kleinigkeiten bleibt stumm. Die Augen werden zum Hörorgan. Der Sound entsteht im Kopf. Einfach bezaubernd.
Die Stare kreisen in Schwärmen über dem Altenheim. Wie fühlt sich das Lebensende an? Einem Mann wachsen erste Vogelfedern und er spürt, dass er allmählich nicht mehr dazugehört
Die Stare kreisen in Schwärmen über dem Altersheim. Murmurationen nennt man diese beeindruckenden Naturschauspiele, die von fern wie ein kollektives Murmeln klingen. Nicht alle hören oder sehen sie, aber der alte Mann nimmt sie wahr. Manchmal entsenden die Stare einen einzelnen zwitschernden Boten vor sein Fenster. Oft sind die Vögel für ihn präsenter als seine Mitmenschen, präsenter als der alte demente Heimkollege, der regelmäßig ein Blumenstillleben wässert, präsenter als die Heimnachbar*innen im Freizeitchor. Und dann passiert es: Der alte Mann findet die erste Feder im Haar, darauf eine zweite, schließlich mehrere. Bald wächst ihm ein Schnabel, sodass er statt singen nur mehr krächzen kann. Der letzte Lebensabschnitt, dem wir hier beiwohnen, ist liebevoll animiert: Die Puppenanimation wurde mit Mullbinden gestaltet – eine schöne Annäherung an die Verletzlichkeit, die dem Älterwerden anhaftet. Der hier gezeigte Abschied vom Leben kommt ganz ohne Pathos aus, sogar ohne jene überinszenierte Trauer, die man von vielen Todeserzählungen kennt. Selbst das Altersheim ist ein völlig banaler, wertfrei porträtierter Ort. Stattdessen verfolgen wir dieses Tschüss-Sagen im Fiedergewand als eine leise, aber zunehmende Entfremdung von der Welt, ein Nicht-mehr-Dazugehören. Und irgendwann wachsen uns allen die dazu passenden Flügelschwingen.
Marie Ketzscher
Credits
Regie
Janneke Swinkels, Tim Frijsinger
Buch
Janneke Swinkels, Tim Frijsinger
Kamera
Janneke Swinkels, Tim Frijsinger
Schnitt
Janneke Swinkels, Tim Frijsinger
Produktion
Peter Lindhout
Co-Produktion
Annemie Degryse, Janneke Swinkels, Tim Frijsinger, Ben Tesseur
Ton
Corinne Dubien
Sound Design
Corinne Dubien
Musik
Roos Rebergen, Sjoerd Bruil
Animation
Rosanne Janssens, Mirjam Plettinx, Geertrui de Vijlder
Vor zwanzig Jahren floh der Filmemacher mit seiner Familie aus Bagdad – warum, blieb immer ein Tabu. Für seinen Sohn bricht er mit dieser filmischen Familientherapie das Schweigen.
deutsche Untertitel für Menschen mit eingeschränkter Hörfähigkeit, Englisch
Vor zwanzig Jahren floh der Filmemacher Wiam Al-Zabari mitten in der Nacht mit seiner Familie aus Bagdad. Sein Vater, ein regimekritischer ehemaliger Botschafter, war bereits aus dem Irak entkommen und wartete in den Niederlanden auf sie. Seitdem hat in der Familie niemand mehr über diese Ereignisse gesprochen. Was damals genau geschah, blieb immer ein Tabu. Jetzt, da Wiam selbst Vater ist, merkt er, dass sein früheres Leben ihn einholt und sich immer mehr Fragen auftun. Die größte von allen: Warum mussten sie überhaupt fliehen? Wiam möchte das endlich herausfinden. Zum ersten Mal bricht er das Schweigen und beginnt, der Vergangenheit im Dialog mit seinen Eltern und Geschwistern auf den Grund zu gehen. Vor allem möchte er verhindern, dass er diese traumatischen Erfahrungen an seinen Sohn weitergibt.
In dieser filmischen Familien-Therapie richtet er sich direkt an Nour, den kleinen Sohn. Diesen Film hat Wiam sich und ihm versprochen, um die viel zu lange verdrängten Themen so aufzuklären, dass der Junge, wenn er einmal erwachsen sein wird, festen Boden unter sich fühlt. Dabei ist er schonungslos ehrlich mit sich und seinen Verwandten und wählt manch ungewöhnlichen künstlerischen Kniff. So bringt er sich als Regisseur aus dem Off selbst mit ein und analysiert kritisch die eigene Position im Gefüge aus Sprechen und Schweigen: der Versuch eines Innenblicks von außen.
Lina Dinkla
Credits
Regie
Wiam Al-Zabari
Kamera
Niels van Koevorden, Jefrim Rothuizen, Wiam Al-Zabari
Schnitt
Augustine Huijsser, Renko Douze, Wiam Al-Zabari
Produktion
Hasse van Nunen, Iris Lammertsma, Renko Douze, Boudewijn Koole