Mutierte Wesen taumeln im Nichts, Polizeistimmen schlagen zu wie Knüppel. Die Körper wehren sich, generieren ein unauslöschbares Energiefeld des radikalen feministischen Protests.
Im schwarzen Nichts taumeln marionettengleich vier Wesen. Eine fremde Macht versucht, sie zu beherrschen, Polizeistimmen schlagen zu wie Knüppel. Gekrümmt, mit wulstigen und fadendünnen Gliedmaßen, die Hautinnenseite nach außen gekehrt – die menschliche Anatomie ist mutiert. Doch die verletzlichen Körper setzen zur Gegenwehr an … „Scum Mutation“ führt ungeschützt in die Kampfzone, in ein unauslöschbares Energiefeld des radikalen feministischen Protests – und wird lautes Fanal der Rückeroberung.
André Eckardt
Credits
Regie
Ov
Buch
Ov
Schnitt
Ov
Produktion
Le Fresnoy – Studio national des arts contemporains
Er und sie sind eingespielt. Ein schön gedachter Abend zu zweit wird von einer beißenden Bratenwolke überschattet und endet gesittet, aber blutig. Schwarzer Humor „well done“.
Paarbeziehungen haben eine eigene Dynamik. Ihre beruflichen Verpflichtungen ticken nicht nach der Uhr, seine Kochkunst und Liebe sind außerordentlich, aber eben zeitlich präzise getaktet. Diese allseits bekannte Unvereinbarkeit verdichtet sich zu einem undurchsichtigen, beißenden Bratennebel und endet gesittet, aber blutig. Špela Čadež drosselt zunehmend das Tempo und schafft so Platz, damit sich das absurde Geschehen immer tiefer bohren kann. Schwarzer Humor „well done“.
André Eckardt
Credits
Regie
Špela Čadež
Buch
Gregor Zorc
Kamera
Špela Čadež
Schnitt
Iva Kraljevic
Produktion
Tina Smrekar, Špela Čadež
Co-Produktion
Emmanuel-Alain Raynal, Pierre Baussaron, Fabian Driehorst
„Stripsody“ basiert auf einer Partitur mit lautmalerischen Elementen und Zitaten aus der Comicsprache. Die Solostimme schwingt an der Liane: am „Hatschi“ vorbei zum „Boinnnggg“.
Das Musikstück „Stripsody“ für Solostimme entstand aus der Zusammenarbeit der Mezzosopranistin Cathy Berberian mit dem Comicautor und Illustrator Roberto Zamarin. Die Partitur vereint lautmalerische Elemente, Comicsprache und Actionszenen. Berberian nimmt die Dynamik der Bilder mit ihrer großartigen Stimme auf und schwingt an der Liane: am „Hatschi“ vorbei zum „Boinnnggg“.
Die letzte Archivarin sichert Artefakte einer Zivilisation, die draußen in der realen Welt in sich zusammenbricht. Eine Doku-Science-Fiction im Spannungsfeld von Bild und Ton.
Fotografien werden entstaubt, Schallplatten gereinigt, Bücher von Ungeziefer befreit und alles digitalisiert für die Ewigkeit. Zu den nüchternen Aufnahmen gewissenhafter Archivarbeit aber tritt die Stimme einer jungen Frau, die vom Zusammenbruch der Zivilisation berichtet, deren fragile Artefakte sie als letzter im „Kongress“ verbliebener Mensch sichert. Im Spannungsfeld zwischen Bild und Ton tut sich Raum auf für unsere Fantasie.
The First 54 Years – An Abbreviated Manual for Military Occupation
Avi Mograbi
Warum und wozu setzt die Politik auf das Modell „militärische Okkupation“? Avi Mograbi erklärt am Beispiel „Israel-Palästina“ dessen standardmäßige Mechanismen und Aporien.
Aus den archivierten Zeugnissen von „Breaking the Silence“, einer Vereinigung von Militärveteranen, sollte eine Kompilation von „Dienstvorfällen“ in den israelisch besetzten Gebieten werden. Aber Avi Mograbi gesteht: „Meine Filme neigen dazu, kompliziert zu werden, selbst wenn ich mir vornehme, sie sehr einfach zu machen.“ Er reagiert auf ein komplexes Verhängnis künstlerisch und intellektuell angemessen: komplex. Erneut tut er dies mit einer eingebauten Kommentarfunktion, in der er selbst, weißbärtig, seinem Publikum die vertrackte Lage erklärt: nicht als Sonderfall „Israel-Palästina“, sondern als bittere Standardanwendung des weltweit eingeführten aporetischen Modells „militärische Okkupation“.
Sylvia Görke
Credits
Regie
Avi Mograbi
Buch
Avi Mograbi
Kamera
Tulik Gallon, Philippe Bellaiche
Schnitt
Avi Mograbi
Produktion
Camille Laemlé, Serge Lalou
Co-Produktion
Annie Ohayon-Dekel, Fabrice Puchault, Heino Deckert, Leila Lyytikäinen, Elina Pohjola, Farid Rezkallah, Anne Grolleron, Avi Mograbi
Israelische Ex-Soldaten vereinen sich als NGO, um das militärische Gebaren in den besetzten Gebieten zu kritisieren. Es folgen hitzige Diskussionen und keine einfachen Antworten.
Englisch, deutsche Untertitel für Menschen mit eingeschränkter Hörfähigkeit
Die NGO „Breaking the Silence” – kurz BtS – besteht aus ehemaligen israelischen Soldaten und Soldatinnen, die durch das Sammeln persönlicher Erinnerungsberichte auf den militärischen Alltag und den Umgang mit der Bevölkerung in den besetzten Gebieten aufmerksam machen wollen. Die Regisseurin Silvina Landsmann ermöglicht mit ihrem Film einen Blick hinter die Kulissen einer umstrittenen Gruppierung mit einem kontrovers diskutierten Ansatz inmitten eines über 70 Jahre schwelenden Konflikts.
Was macht einen guten Soldaten aus? Die Fähigkeit, ohne Skrupel Befehle auszuführen, oder die Berücksichtigung von höheren moralischen Zielen im Umgang mit dem Feind? Letzteres war vielen Mitgliedern von BtS erst nach ihrer aktiven Militärzeit möglich. In ihrer Arbeit setzen sie sich mit Einsätzen und Handlungen auseinander, die ihnen heute falsch vorkommen. Mit Videos, Vorträgen und Stadtführungen wenden sie sich an die israelische Bevölkerung und an ausländische Medien. Auf den Straßen Hebrons kommt es immer wieder zum Zusammenstoß zwischen BtS, israelischen Siedlern und dem Militär. Auch auf politischer Ebene wird die Organisation scharf kritisiert. Ihr wird vorgeworfen, Geschichten zu erfinden, dem Ruf Israels zu schaden und dem Antisemitismus in die Hände zu spielen. Mit filmisch nüchternen Bildern beobachtet Landsmann, wie die Gruppe äußerlich und innerlich um ihre Stimme kämpft.
Kim Busch
Credits
Regie
Silvina Landsmann
Kamera
Silvina Landsmann
Schnitt
Tal Shefi
Produktion
Silvina Landsmann, Pierre-Olivier Bardet
Co-Produktion
Christoph Menardi
Ton
Ami Arad, Guy Barkay, Nadir Fleishman, Zohar Cheppa, Tully Chen
Ein stillgelegter Vergnügungspark bietet für Jugendliche in Casablanca einen klandestinen realen Rückzugsort. Sie haben sich für die Kamera in Tableaux vivants aufgestellt.
Ein stillgelegter Vergnügungspark bietet für Jugendliche in Casablanca einen klandestinen realen Rückzugsort. Digital entfliehen sie der restriktiven Gesellschaft ins Internet, um internationale Trends aufzusaugen und sich selbst darzustellen. Eine Kamera durchschwebt die Tableaux vivants, in denen sie sich aufgestellt haben. Ihre Blicke sind eingefroren, die selbstgewählten Posen wirken wie untot.
Vogelähnliche Shadoks und Melonen-tragende Gibis leben auf entfernten zweidimensionalen Planeten. Eine absurd-komische Science-Fiction mit comicartigen elektronischen Klängen.
Im Ausklang der ersten Space-Age-Welle treten vogelähnliche und Melonen-tragende Kreaturen auf den TV-Plan. Die Shadoks und die Gibis leben auf entfernten zweidimensionalen Planeten. Die absurd-komische, minimalistische Science-Fiction-Zeichenwelt von Jacques Rouxel ist mit elektroakustischen, comicartigen, außerirdischen Klängen des Musique-concrète-erfahrenen Komponisten Robert Cohen-Solal gespickt.
Die fiktive Geschichte eines wissenschaftlichen Versuchs: Der Forscher Roderick Norman extrahiert Träume aus einem Skelett. Dabei ergeben sich Fragen zur geschlechtlichen Identität.
Wie sind wir durch unsere DNA geprägt? Der 360°-Film erzählt die Geschichte des fiktiven Forschers Roderick Norman. Er versucht, Träume aus einem nicht identifizierten Skelett zu extrahieren, die in den Bauplan der Körperruine eingeschrieben sind. Die Schwarz-Weiß-Collage aus Text, 3D-Bildern und traditionellen Filmaufnahmen stellt unser herkömmliches Verständnis von Geschlecht und Identität infrage.
Lars Rummel
Credits
Produktion
Le Fresnoy – Studio national des arts contemporains
Co-Produktion
Caza d’Oro – Centre International d'Art Contemporain
Ein Staudamm zwischen Georgien und Abchasien lässt Geschichten der Trennung hervortreten: Während das Wasser frei passiert, scheint der Grenzübergang für Menschen unmöglich.
Seit Ende des Bürgerkriegs zu Beginn der 1990er Jahre agiert die Region Abchasien unabhängig von Georgien. Eine enorme Staumauer ist dadurch zur Grenze geworden. Doch das Wasserkraftwerk verbindet die beiden politischen Gebilde auch: Denn über eine Strecke von fünfzehn Kilometern fließt, im Untergrund, das Wasser frei von einer Seite zur anderen. Als eine junge Journalistin hier strandet, treten Geschichten der Teilung hervor.
Auf dem Rückweg von einer Reportagereise an den Staudamm bleibt das Auto der Regisseurin Maradia und ihres Kameramanns liegen. Ika nimmt sich ihrer an. Seit Jahrzehnten arbeitet der lebensfrohe Ingenieur – in Kooperation mit den Kollegen auf abchasischem Gebiet – an der Instandhaltung des Werks. Maradia, stellvertretend für eine ganze Generation von Georgiern, die den Sehnsuchtsort am Schwarzen Meer nur aus Erzählungen kennt, wird neugierig. Doch während die Arbeiter allmorgendlich den Bus nach drüben nehmen, scheitert das Filmteam an der Bürokratie. Mal um Mal wird ihnen das Passieren verwehrt. Für den Film erweist sich das als Glück: Denn im Warten auf die Erlaubnis, in der Kantine des Staudamms, in Autofahrten rund um den Fluss treten die Geschichten von Menschen in den Vordergrund, deren Alltag von der Abspaltung geprägt ist. Sie berichten von legalen und klandestinen Grenzübertritten, von Hochzeiten und Beerdigungen und vom Leben im Hier und Dort.
Marie Kloos
Credits
Regie
Maradia Tsaava
Buch
Maradia Tsaava
Kamera
Nik Voigt
Schnitt
Maradia Tsaava, Anne Jochum, Jérôme Huguenin-Virchaux
Eine Zuckerfabrik auf Guadeloupe als Bühne der Vergangenheit: Während Maschinen und Menschen Schwerstarbeit verrichten, tritt eine Gruppe von Sklaven in den Zeugenstand.
Englisch, deutsche Untertitel für Menschen mit eingeschränkter Hörfähigkeit
Auf Guadeloupe, einer Inselgruppe in der Karibik, ergreift die Vergangenheit das Wort. Sylvaine Dampierre lässt die Arbeiter einer alten Zuckerfabrik Passagen aus den Protokollen eines Gerichtsprozesses von 1842 verlesen, während im Hintergrund die Maschinen tosen und ächzen. Die Aussagen der Sklaven von damals in den rostigen Hallen von heute ergeben eine Vielstimmigkeit von gleichsam brisanter wie poetischer Qualität.
Die Zuckerfabrik „Grand Anse“ ist ein Ungeheuer ferner Zeit: Aus den Öfen speien die Flammen wie lange Zungen, überall Haufen, die an Knochen erinnern. Die Arbeiter schlagen sie mit Macheten in den Plantagen von Marie-Galante, einer winzigen Insel, die zum Archipel Guadeloupe gehört. Die langen Knochen, das Zuckerrohr, sind das Gerüst, das hier alles zusammenhält. Sylvaine Dampierre ist mittendrin, zeigt das Pulsieren der Fabrik und die schwere Arbeit, die in ihr verrichtet wird. Saisonkräfte kommen und gehen, die Männer organisieren ihr Tun selbst. Sie sind frei. Die eigenartige Bindung an Frankreich, dessen integraler Bestandteil das Überseegebiet ist, blitzt dennoch gelegentlich auf. In den Vordergrund aber stellt Dampierre die Aufzeichnungen einer fast zweihundert Jahre zurückliegenden Gerichtsverhandlung, in der Sklaven gegen ihren gewalttätigen Herren aussagten. Ein Akt der Selbstermächtigung, dessen Gestus die Regisseurin in Dialog mit der Gegenwart bringt.
Ein Ex-Soldat der israelischen Armee erklärt sich der Tötung von Palästinensern für mitschuldig. Er stellt sich einem filmischen Kreuzverhör, das Avi Mograbi singend kommentiert.
Unter dem Akteneintrag Z32 ist die Aussage eines ehemaligen Elite-Soldaten der israelischen Armee bewahrt. Er bekennt, an der Tötung von Palästinensern beteiligt gewesen zu sein. War das ein Dienstvergehen aus Übermut, ein Kollateralschaden des israelisch-palästinensischen Konflikts oder die selbsterfüllende Prophezeiung jeder militärischen Zurichtung? Avi Mograbi nimmt das Zeugnis und die eigene Verstörung zum Anlass, den durch Bildmanipulationen anonymisierten Geständigen erneut zu befragen. Sein Kreuzverhör nennt er „dokumentarische Musical-Tragödie“. Denn er singt seinen Kommentar mitten hinein in den experimentellen Vernehmungsraum: „Oy, ich beherberge einen Mörder, oy, in meinem Film.“