Mit pantomimischen Gesten durchwebt eine Frau die graue, öde Stadtlandschaft mit hellen, sprühenden Funken, die durch zeichnerisches Zerkratzen von Fotografien entstehen.
Pantomimische Bewegungen einer Frauensilhouette: Ihre Hände und Finger fahren über die Oberfläche einer geometrischen Stadtarchitektur, fast als wollten sie die Bebauung neu vermessen. Sie durchwebt die rechtwinklige, starre Struktur und das dokumentarische Bild mit einem unregelmäßigen Netz aus Linien und belebt die Ödnis mit hellen, sprühenden Funken, die durch zeichnerisches Zerkratzen von Fotografien entstehen.
Die Fotoalben anderer Familien bewahren ganz besondere Geheimnisse. Die Arme und Hände von unbekannten Großeltern, Tanten und Freund*innen führen ein geisterhaftes Gebärdenspiel auf.
Gefundene private Fotoalben: So konkret wie die darin enthaltenen Bilder etwas zeigen, so abstrakt bleiben die Zusammenhänge zwischen ihnen. Die Großeltern, Tanten und Kinder in diesem Film blicken nicht aus dem Album und der Vergangenheit heraus zu den Betrachtenden im Jetzt, sondern in die rätselhafte Tiefe eines Hausflurs oder die Weite einer Bucht. Poetische Interpretationsräume tun sich auf.
Die dunkle Enge einer Wohnung, in der Küche brennt noch Licht. Geisterhafte Erscheinungen mischen sich in alte Videoaufnahmen. Hier wohnte ein liebgewonnener Mensch, der in zwei Welten lebte.
Erinnerung an einen lieb gewonnenen Menschen: Der Kamerablick erkundet die dunkle Enge einer Wohnung. In der Küche brennt noch Licht, auf den Stubentischchen lagern bunt die Dinge. Die Augen folgen in das Raum gewordene, labyrinthische innere Ich einer einst vertrauten und nun abwesenden Person. Die Erzählstimme versichert als Erstes, dass an diesem Ort alles wahr sei. Sie „zeigt“ die Plätze, wo die Erinnerte Häkeln gelernt und wo sie Erbsen geschält hat. Der Erzählduktus bleibt faktisch, aber eine Schere öffnet sich. In die alten Videobilder mischen sich geisterhafte Erscheinungen, den geräuschartig-klanglichen Echo-Ton bevölkern Phantomstimmen. Wie das Häkeln und die Erbsen gehören zu dem Haus, das hier begangen wird, ein unbekleideter Mörder und andere unangenehme Schatten. Im Fortlauf der Dinge spinnen sich einzelne Fäden zum sinnbildlichen Häkeldeckchen eines Zuhauses zusammen. Unglaublich poetisch und sehr persönlich lässt Ayden Lamb mit „Haunted House“ einen Menschen filmisch wahr werden, der zu Lebzeiten in zwei Welten zugegen war, zugegen sein musste.
Izzeldin Abuelaish, palästinensischer Arzt in Israel, verliert bei einem Angriff drei seiner Töchter. Mit unfassbarer Stärke bleibt er bei seiner Überzeugung: nur Verständigung kann Frieden schaffen.
Mehrmals wurde Dr. Izzeldin Abuelaish bereits für den Friedensnobelpreis nominiert. Als palästinensischer Gynäkologe, der in einem israelischen Krankenhaus praktiziert, war es ihm möglich, wie selbstverständlich die streng bewachten Checkpoints vor Gaza zu passieren. Seine humanistische Perspektive drückt sich in Worten wie diesen aus: „Müssen wir erst krank sein, um zu verstehen, dass wir gleich sind?” Als es im Januar 2009 zu einer Attacke der israelischen Armee auf Abuelaishs Wohnhaus in Gaza kommt und drei seiner Töchter sterben, greift er zum Telefon. Shlomi Eldar ist am anderen Ende, ein Channel-10-Reporter, der beschließt, die Verzweiflung seines Freundes live ins israelische Publikum zu senden. Ein historischer Fernsehmoment, bald darauf wird der Beschuss Gazas eingestellt. Regisseurin Tal Barda hat ihr Porträt auf denselben Titel getauft wie das 2011 erschienene Buch Izzeldin Abuelaishs. Über zehn Jahre nach der Veröffentlichung der Lebensbeschreibung ergreifen in ihrem Film neben dem Arzt auch seine mittlerweile erwachsenen Kinder das Wort, berichten von Traumata, ihrem Neuanfang in Toronto und dem Kampf, eine offizielle Entschuldigung Israels einzuklagen. „I Shall Not Hate“ thematisiert die komplizierte Verknüpfung der Schicksale Palästinas und Israels. Izzeldin Abuelaishs Überzeugung eines friedlichen Miteinanders als einzige Überlebenschance ist dabei ungebrochen.
Carolin Weidner
Credits
Regie
Tal Barda
Buch
Geoff Klein, Tal Barda, Saskia De Boer
Kamera
Hanna Abu Saada
Schnitt
Geoff Klein
Produktion
Maryse Rouillard, Paul Cadieux, Tal Barda, Isabelle Gripon
Ruanda, 1994. Wie Hunderttausende Tutsis wird auch Familie Rutikara von Hutu-Milizen verfolgt. Aus Zufall – weil ihr Baby auf der Flucht einen Soldaten rührte – werden sie gerettet
Vielleicht war es wirklich die unschuldige Hand eines Babys, die am ausgestreckten Zeigefinger eines Soldaten den Verlauf dreier Leben bestimmen sollte. Lebensläufe, die eben nicht in einem frühen Tod enden, sondern sich im Asyl eines fremden Landes fortschreiben. Die Eheleute Rutikara wohnen am Rand der Hauptstadt Ruandas und nennen ihr Neugeborenes Justice, weil Gerechtigkeit wirklich das ist, was zunehmend fehlt in ihrer Heimat. Im Frühling 1994, der Kleine ist sechs Monate alt, spitzt sich die politische Lage mehr und mehr zu, die Tutsi werden als ethnische Minderheit von den Milizen der Hutu gejagt, misshandelt und ermordet. Im Sommer des Jahres erfährt die Welt vom Ausmaß der Gewalt: ein Genozid mit Hunderttausenden Toten. Auch die Rutikaras sind betroffen. Nur können sie sich mit Glück, Zufall und ihrem nicht aus dem Gleichgewicht zu bringenden Säugling in die Obhut der Vereinten Nationen retten. Regisseur Justice Rutikara, in Kigali geboren und in Quebec aufgewachsen, ist der Sohn von Valentine und Jean-Claude, die hier im Off berichten. Sein erster Animationsfilm, getragen von flächig kolorierten Bildern, beeindruckender Sachlichkeit und milder Poesie, ist ein Erinnerungsstück, das sich aus dem Individuellen erhebt und im Klang der menschlichen Töne, all den verbindenden und bedrohlichen, eine universelle Note bekommt.
Artenschützer auf den Spuren des sechsten großen Massenaussterbens. Ein experimentelles Porträt, das von Fröschen, Seesternen, Fledermäusen erzählt – und letztlich auch von uns Menschen.
Hoch konzentriert bewegen sich Menschengrüppchen durch die Natur. Es ist Nacht und sie lauschen. Oder es ist mitten am Tag und sie zählen. Manchmal tragen sie auch Antennen auf dem Rücken und streifen über Wiesen am Waldesrand. Sie sind die Zeug*innen des sogenannten sechsten Massensterbens, jene, die das Verschwinden der Biodiversität im Anthropozän dokumentieren. Marianna Milhorat nähert sich ihnen geduldig. Lange weilt sie bei den Frauen, die sich über die Intensität des Quakens von Fröschen austauschen, während im Hintergrund das Rauschen der Straßen zu hören ist. Andere berichten von der „sea star wasting disease“, einer mysteriösen Krankheit, die Seesterne in weißlichen Matsch verwandelt. „Just Above the Surface of the Earth“ lässt wenig Raum für Hoffnung und setzt doch gleichzeitig auf die unermüdlichen Individuen, die zumindest entschieden haben, nicht die Augen zu verschließen. Ihnen widmet Milhorat dieses experimentelle, auf allen filmischen Ebenen ausgefeilte Porträt. Denn es flattern nicht nur Fledermäuse umher, sondern auch Gedanken: von Cormac McCarthy, William Golding, Martin Heidegger oder zum mythischen Totenfluss Styx. Der von Brian Kirkbride komponierte Score übersetzt die verschiedenen Mikrokosmen in immersive Klangkunst und verschafft so Zugang zu einer Welt, die wir häufig wie blind und taub bewohnen.
Der animierte Film führt in eine poetische Unterwasserwelt, folgt einem Jungen auf seiner Reise nach Europa. Begleitet wird er dabei von den Geschichten derer, die ihre Reise nicht beenden konnten.
Ein Tauchgang im Meer, der berührt. Wir begegnen dem Teenager Kanope auf seiner Reise nach Europa. Und wir, unter Wasser, sind mit ihm. Der poetische und wunderschön animierte Film erzählt die Tragödie aller, die ihre Reise nie beenden konnten. In „Murmuration“ flossen authentische Erlebnisberichte minderjähriger Migrant*innen ein. Hier sind auch ihre Stimmen zu hören.
Im elterlichen Wohnhaus inszeniert die Regisseurin ihre Eltern: tanzend. Eine spielerische Annäherung an Familiäres, Vergängliches und Krankheit. Assoziativ, frei und intelligent.
Regisseurin Nora Rosenthal nimmt ihre Eltern Heidi und Alan auf sehr spezifische Weise in den Blick: Sie inszeniert das Paar tanzend. Um „einfache Tänze“ handelt es sich dabei jedoch keineswegs. Denn schnell merkt Rosenthal, dass ihr ambitioniertes Projekt an ihren eigenen überhöhten Erwartungen zu scheitern droht. Sie engagiert zwei professionelle Tänzer – Spiegelbilder und gleichsam Interaktionspartner für Heidi und Alan –, die den enormen Druck auf belastbare Schultern verteilen sollen und mit denen es sich gemeinsam im Walzer wiegen oder auch Diskokugeln schieben lässt. Abstrakt-verspielt und doch einfühlsam begegnet „Nine Easy Dances“ schwergewichtigen Themen wie Vergänglichkeit und Krankheit, gibt den Weg frei ins Familienarchiv und versucht sich am Erzählen einer Geschichte, deren Ende bereits im Raum steht. Ein vielschichtiges Unterfangen, assoziativ, frei und intelligent.
Hände greifen ins Leere oder nach Linienbündeln. Ihre Alltagsbewegungen werden zum geisterhaften Gebärdenspiel, denn die Geräte, die sie bedienen, sind aus den Bildern gekratzt.
Hände greifen ins Leere. Manchmal bekommen sie Linienbündel zu fassen. Ihre Alltagsbewegungen werden zum geisterhaften Gebärdenspiel, denn die Objekte, mit denen sie hantieren, und die Geräte, die sie bedienen, sind aus den Filmbildern gelöscht. Der Tastsinn steht im Vordergrund – in den Handlungen selbst, aber genauso wegen der Schrammen auf dem Bildträger, die zu knirschenden, kratzenden Klängen tanzen.
Oto führt ein ruhiges Leben bis ein Raumschiff landet und dessen Kapitän den halben Planeten beansprucht. – Eine heitere Geschichte mit schwarzem Humor über unseren eigenen Planeten.
Oto führt ein ruhiges Leben, bis eines Tages ein Raumschiff auf seinem Planeten abstürzt. Exo klettert heraus – und beansprucht die Hälfte von Otos Welt für sich. Die heitere, mit schwarzem Humor gefärbte Geschichte hält unserer Erde den Spiegel vor. Während man die Ereignisse verfolgt, darf Otos Planet gedreht und gewendet werden, um ihn von allen Seiten betrachten zu können. Otos Planet liegt in unseren Händen.
Dana Melaver
Credits
Regie
Gwenael François
Produktion
Julien Becker, Nicolas S. Roy, Vincent Guttmann, Voyelle Acker
Der Film nimmt die Wellenbewegungen der unsteten Komposition von Jacques Hétu auf, verdreht die Perspektiven und lässt einzelne Klänge als kurze Lichtreflektionen im Dunklen schillern.
Abstrahierend-organische Zeichnungen, wandernde Wolkenherden und aufbrausendes Meer geben dem Klavierstück „Impromptu opus 70“ einen visuellen Körper, der sich einer festen Form, eines Innehaltens verweigert. „Remous“ nimmt die Wellenbewegungen der unsteten Komposition von Jacques Hétu auf, verdreht die Perspektiven und lässt einzelne Klänge als kurze Lichtreflektionen auf den Oberflächen tiefen Dunkels schillern.
Die Filmprojektion einer Frau am Wasser. In „ihrem Rücken“ der Schatten einer weiblichen Gestalt, die mit ihren Händen golden strahlende Punktwolken und Strichballen in das Filmbild zaubert.
Eine Filmprojektion zeigt eine Frau, die am Wasser sitzt. In „ihrem Rücken“ der Schatten einer weiblichen Gestalt, die mit ihren Händen golden strahlende Punktwolken und Strichballen in das Filmbild zaubert und es sogar auszulöschen vermag. Der magische Trailer für das Festival „Tricky Women“ entstand durch die manuelle Bearbeitung von Bild- und Tonsequenzen, die Moïa Jobin-Paré als Artist in Residence in Wien aufnahm.