Visuell und auditiv herausragender Film über die Musikerin Marja Burchard, Leiterin der legendären Band „Embryo“. Eine Ode ans Hören, ans Experimentieren und an die Inspiration.
Mit elf stand sie das erste Mal mit dem legendären Krautrock-Ensemble „Embryo“ auf der Bühne. Ihr Vater, Christian Burchard, gründete die Band 1969 und leitete sie bis 2016. Heute – mit Mitte 30 – ist Marja Burchard die Bandleaderin in diesem Projekt, das für sie auch ein Stück weit Familie wurde. Doch was so einfach und organisch scheint, ist in einer stark männlich dominierten Sphäre längst nicht selbstverständlich, wie Rebecca Zehr in ihrem exakt beobachteten und präzise gestalteten Film zeigt.
Die streng und dennoch voller Leichtigkeit komponierte Melange besteht aus Archivaufnahmen, psychedelischen Animationssequenzen und alltäglichen Beobachtungen einer Musikerinnen-Normalität zwischen Organisation und Inspiration. Weil die visuelle Ebene schwarz-weiß gehalten, also ganz bewusst zurückgenommen ist, richtet sich die Aufmerksamkeit umso stärker auf den Sound. Der – wen wundert’s?! – herausragende Score nimmt dabei aber die Musik nie als „gegeben“ hin, sondern arbeitet offensiv mit unserer Wahrnehmung. Dass der Film trotz dieser Konzentration aufs Hören ungeheuer haptisch bleibt, liegt an den klaren, unaufgeregten Bildern und an der immer im Hier und Jetzt verankerten Erzählweise. Rebecca Zehr geht es nicht um das Porträt einer Musiklegende, sondern darum zu zeigen, wie es aussieht und sich anfühlen könnte, Musik nicht nur zu machen, sondern in ihr zu leben.
Luc-Carolin Ziemann
Credits
Regie
Rebecca Zehr
Kamera
Felix Press
Schnitt
Melanie Jilg
Produktion
Rebecca Zehr, Katharina Rabl, University of Television and Film Munich (HFF)
Wie nah ist zu nah? Der Versuch, das Porträt eines Schauspielers zu drehen, wird zu einem Kampf zwischen Nähe und Distanz und einem Balanceakt zwischen Fiktion und Realität.
Englisch, deutsche Untertitel für Menschen mit eingeschränkter Hörfähigkeit
Ist es möglich, einem Menschen nahezukommen, der seine Lebensaufgabe darin sieht, sich in seinen Rollen zu verlieren? Wie kann ein Filmporträt entstehen, wenn jedes Bild nur zur weiteren Fiktionalisierung beiträgt? Wer steht sich gegenüber, wenn die Grenze zwischen Fakt und Fiktion verschwimmt? Katharina Pethke blickt zurück und seziert die Vergangenheit und ihre widersprüchlichen Gefühle zum gefeierten Schauspieler Philipp Hochmair entlang der eigenen künstlerischen wie persönlichen Zweifel.
Die großartigen schwarz-weißen Aufnahmen lenken den Blick von den Oberflächen auf die Details, deren Bedeutung die Regisseurin in ihrem subjektiven, tastenden Off-Kommentar ergründet und hinterfragt. Der Film bewahrt sich die Rauheit einer unabgeschlossenen Überlegung, ohne im Ungefähren stecken zu bleiben. Nach und nach gelingt so die ehrliche Bestandsaufnahme eines Begehrens, das nur in der delikaten Balance zwischen Anziehung und Abstoßung funktionieren konnte und von dem sich Katharina Pethke durch die Einnahme einer Position künstlerischer Distanz befreit. Ihre teils selbstironischen Kommentare werden flankiert von dramatischen Gitarrenriffs (die Hochmairs Bandprojekt „Die Elektrohand Gottes“ liefert) und unterfüttert mit filmischen Verweisen, die alle um das Bildermachen und das Verhältnis von Realität und Imagination kreisen.
Luc-Carolin Ziemann
Credits
Regie
Katharina Pethke
Kamera
Katharina Pethke
Schnitt
Katharina Pethke
Produktion
Katharina Pethke
Co-Produktion
Fünferfilm UG, Julia Cöllen, Frank Scheuffele, Karsten Krause
Kopf Faust Fahne – Perspektiven auf das Thälmanndenkmal
Betina Kuntzsch
Zehn filmische Perspektiven auf einen historischen Ort: der Ernst-Thälmann-Park in Ostberlin. 1986 weicht ein altes Gaswerk einer Wohnsiedlung – und einem umstrittenen Denkmal.
Kopf Faust Fahne – Perspektiven auf das Thälmanndenkmal
Kopf Faust Fahne – Perspektiven auf das Thälmanndenkmal
Betina Kuntzsch
Deutscher Wettbewerb 2021
Dokumentarfilm
Deutschland
2021
47 Minuten
Deutsch
Untertitel: 
Englisch
Aus technischen Gründen – zu massiv! – wurde der 50 Tonnen schwere Koloss aus Bronze 1993 nicht abgerissen. Inzwischen steht er gemeinsam mit der dazugehörigen Wohnsiedlung unter Denkmalschutz. Ein Relikt aus alten Zeiten: Die erhobene Faust des ehemaligen KPD-Führers und einstigen DDR-Helden Ernst Thälmann auf der Parkanlage in Prenzlauer Berg trotzt heute dem kollektiven Vergessen einer gar nicht so lange zurückliegenden Vergangenheit, statt den Sieg des Kommunismus anzukündigen.
Eine alte städtische Gaswerkanlage in Ostberlin weicht 1986 einer Wohnsiedlung – und einem bereits damals umstrittenen Denkmal. Zum Teil imaginiert, zum Teil erinnert und durchgehend aufwendig recherchiert, setzt Betina Kuntzsch im Rahmen des Projekts „Vom Sockel Denken“ zur künstlerischen Kommentierung des Ernst-Thälmann-Denkmals eine komplexe Erzählung zusammen: über einen Ort voller Geschichte, betrachtet aus zehn unterschiedlichen Perspektiven. Dabei bedient sie sich in ihrem Omnibusfilm gekonnt diverser ästhetischer wie forschender Mittel. Durch die gelungene Kombination aus eigenen Aufnahmen, Animation, Archivmaterial und Oral History entsteht in einer Art Kaleidoskop ein Glanzstück des historiografischen Dokumentarismus und ein Parcours durch eine ganze Reihe dokumentarischer Filmgenres.
Eine Region der Dominikanischen Republik lebt von Arbeitsmigration, von Geld aus der Ferne. Eindrücke von entfremdeten Familien auf der Suche nach Glück – in träumerischen Bildern.
Fast alle Bewohner von Fondo Negro haben Verwandte im Ausland. In der Region im Südwesten der Dominikanischen Republik ist Arbeitsmigration, also der von fern mit den Ansässigen geteilte Lohn, seit den 1980er Jahren eine der wichtigsten Einnahmequellen. Besonders junge Frauen gehen nach Europa und in die USA, um mit Hilfsarbeiten den Lebensunterhalt ihrer Familien zu sichern. Regisseurin Anna-Sophia Richard zeigt in ihrem berückend schönen Film, wie sich das auf die Zurückbleibenden auswirkt.
Als sie sich auf die Reise nach Europa machte, wusste sie nicht, was sie erwarten würde, sagt eine der sieben Porträtierten. Es war, als würde sie in den Urlaub fahren: ein Urlaub, der nun schon mehr als dreißig Jahre andauert. Andere haben ihre Familien seit über fünfzehn Jahren nicht gesehen – nur per Telefon und Videochat stehen sie in Kontakt. Die Bürgermeisterin von Fondo Negro, selbst die erste Arbeitsmigrantin aus der Region, bemüht sich darum, die Frauen im Ort zu halten. Doch der Sog der Arbeit anderswo ist groß. Was bleibt, sind getrennte Familien, Kinder, die ohne Eltern aufwachsen, und Paare, die sich entfremden. Wie im Vorbeigehen zeigt die Regisseurin in farbenfrohen, träumerischen Bildern, wie sich Übergangslösungen manifestieren und die Lebensrealität der Menschen nachhaltig formen. Das Glück liegt nur acht Flugstunden entfernt – und bleibt trotzdem unerreichbar.
Einfühlsames, intimes Porträt einer afghanischen Frau und ihrer Familie im Geflüchtetenlager Moria auf der griechischen Insel Lesbos – bevor und während das Camp in Flammen aufging.
deutsche Untertitel für Menschen mit eingeschränkter Hörfähigkeit, Englisch
Acht Monate lang begleitete das Filmteam um Ole Jacobs und Arne Büttner die Afghanin Nasim und ihre Familie im Geflüchtetenlager Moria auf der griechischen Insel Lesbos, wo zeitweise 20.000 Menschen auf einem für weniger als 3.000 Personen konzipierten Raum leben mussten. Der beobachtende Dokumentarfilm zeigt äußerst einfühlsam den Alltag der zweifachen Mutter, die es auf beeindruckende Weise schafft, die Herausforderungen dieser unzumutbaren Extremsituation immer wieder aufs Neue zu meistern.
Nasim lebte mit ihrer Familie zuvor im Iran, wo sie bereits Diskriminierung erdulden musste. Ihre Ehe ist zerrüttet, die stillen Konflikte mit ihrem Mann fängt die Kamera behutsam ein – Blicke erzählen alles. Nasim leidet an Rheuma und kann ihre Hände kaum noch bewegen. Trotzdem findet sie dafür liebevolle, erklärende Worte – ihren eigenen und den anderen Kindern gegenüber. Sie springt sogar vorübergehend als Ersatz für die weggegangene Schullehrerin ein: „Heute werden wir malen …“ Das Verständnis, das sie anderen stets entgegenbringt, bleibt ihr selbst jedoch verwehrt: Alle in ihrem Umfeld meinen besser zu wissen, was sie braucht. Als das Camp im September 2020 in Flammen aufgeht, scheint jede Hoffnung auf eine bessere Welt verloren. Nasim ist auf sich allein gestellt – doch ganz vielleicht birgt diese erneute Katastrophe auch eine Chance.
Borjana Gaković
Credits
Regie
Ole Jacobs, Arne Büttner
Kamera
Arne Büttner
Schnitt
Janina Herhoffer
Produktion
Ray Peter Maletzki, Ayla Güney, Stephan Helmut Beier
Co-Produktion
Ole Jacobs, Arne Büttner
Ton
Ole Jacobs, Azadeh Zandieh
Performer
Nasima Tajik
Ausgezeichnet mit:
DEFA Förderpreis,
ver.di Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness
Liem lebt in einer der abgelegenen Region in Vietnam und gehört der ethnischen Minderheit der Sedang an. Mit Freunden begibt er sich in den Dschungel, auf die Spuren seiner Ahnen.
Liem gehört der ethnischen Minderheit der Sedang an und ist in einer abgelegenen Region von Vietnam zu Hause. Knapp skizziert die beobachtende Kamera einen Alltag, den mehr das Überleben denn das Leben bestimmt. Mit seinen Freunden bereitet er eine Expedition in den Dschungel vor. Dort wollen die jungen Männer eine Auszeit nehmen, an die Tradition ihrer Ahnen anknüpfen, Jäger und Sammler werden. Je verschlungener die Pfade, desto tiefer scheint sich auch der Film in eine andere Sphäre zu begeben.
Man lernt Liem bei alltäglichen Verrichtungen kennen. Mit dem Baby im Tragetuch kocht er, hängt Wäsche auf, geht aufs Feld. Die gigantischen Lautsprecher, die an den Laternen befestigt sind, beschallen sein Dorf mit offiziellen Nachrichten und Werbung. In seinem Stelzenhaus hört Liem lieber vietnamesischen Pop. Schon bald erspürt man den Rhythmus, den ganz eigenen Takt dieses Lebens. Wenn Liem und seine Freunde mit Gummilatschen und Rucksäcken losziehen, heftet sich die Kamera an ihre Fersen, nimmt ihre Perspektive ein. Auf Super-16 gedreht, fängt der Film die Grüntöne des zentralen Hochlands in Vietnam ein, die Bilder entwickeln eine soghafte Tiefe. Blätterrauschen, Insektensummen, Vogelgezwitscher und permanenter Regen setzen sich zu einer melodischen Geräuschkulisse zusammen. Plötzlich scheint die Zeit stillzustehen, die Trennung zwischen Leinwand und Zuschauerraum wird aufgehoben.
Wenn einem am anderen Ende der Welt die Zwillingsseele begegnet, aber die Faszination den Transfer in den Alltag nicht überlebt … Eine betörend raue Coming-of-Age-Story.
„Es gibt kein sichereres Mittel festzustellen, ob man einen Menschen mag oder hasst, als mit ihm auf Reisen zu gehen.“ Auch wenn Sky und Johanna dieses Zitat von Mark Twain sicher nicht im Sinn hatten, steht die Reise der zwei jungen Frauen durch Südafrika unter diesem Stern. Aus einer Zufallsbekanntschaft wird eine Beziehung, die in allen Farben der Liebe schimmert. Zwischen Marmite-Toasts, Joints, Selfies und Musik erkunden sie sich mit Haut und Haar. Doch was passiert, wenn die Reise endet?
Die Filmemacherin Johanna Seggelke geht in dieser sehr persönlichen Arbeit ganz andere Wege als im Vorgänger „Elefantin“ von 2020. Sie befragt sich selbst, ihre Gefühle und Erinnerungen und entwickelt fast beiläufig eine betörende Coming-of-Age-Story über das Entstehen und das Verblassen der Liebe im endlos erscheinenden Sommer. Mit leichter Hand hält der Film die filigrane Balance zwischen flirrender Schönheit und Nebenbei. Es gelingt ihm, die komplizierte Dialektik zwischen Nähe und Fremdheit spürbar zu machen. Die hervorragende Montage verwebt fedrige Urlaubsvideos mit einem außergewöhnlichen Score und mal wunderbar verschrobenen, mal klugen Überlegungen der Regisseurin. Ein herrlich unmittelbarer Film, der die Rauheit des Moments bewahrt, während er gleichzeitig der Unhintergehbarkeit der eigenen Empfindungen ein Schnippchen zu schlagen versucht – zumindest eine Zigarettenlänge lang.
Luc-Carolin Ziemann
Credits
Regie
Johanna Seggelke
Kamera
Vi R. Spengler, Johanna Seggelke
Schnitt
Marie Zrenner
Produktion
Johanna Seggelke, Kerstin Zachau, University of Television and Film Munich (HFF)
Die Regisseurin – genauer: ihr Alter Ego – macht sich in Schlesien auf Spurensuche nach der eigenen Familiengeschichte. Was sie findet, sind Dinosaurier. Auch solche aus Kunststoff.
deutsche Untertitel für Menschen mit eingeschränkter Hörfähigkeit, Englisch
Schlesien: eine umkämpfte und von Migrationen geprägte Region. Die Animositäten zwischen den Völkern haben hier eine lange Tradition, nicht erst seit dem Zweiten Weltkrieg. Doch die nationalsozialistische Gewaltherrschaft hinterließ deutliche Läsionen. Der Großvater der Regisseurin stammt aus dieser Gegend, war Organist in einer Kirche in Krasiejów – eine Ortschaft, die einst auch Krascheow und eine Zeit lang Schönhorst hieß.
Die Filmemacherin Juliane Henrich – genauer: ihr Alter Ego, die Schriftstellerin Nannina Matz – macht sich auf die Suche nach der eigenen Familiengeschichte. Was sie vorfindet, sind skurrile Repräsentationsarten der Geschichte der Menschheit – und der Geschichte der Erde. Sie stößt auf allerhand Spuren von Dinosauriern. Manche bestehen zwar nur aus Kunststoff, andere allerdings nicht: Eine bestimmte Art dieser Gattung, deren Fossilien in Schlesien gefunden wurden, taufte der polnische Paläontologe Jerzy Dzik auf den Namen „Silesaurus opolensis“. Deshalb gibt es in Krasiejów einen Dinosaurier-Park. Und natürlich ein Heimatmuseum. Aber auch viele Menschen mit verschiedenen individuellen Erinnerungen. Sie führen nicht unbedingt zu bahnbrechenden Entdeckungen in Bezug auf die gesuchte Familienvergangenheit, erweitern aber den Blick: auf die komplexe Historie der Region und auf die Art und Weise, wie sie zusammengedacht, dargestellt und festgeschrieben wird.