Aus der Ferne erlebt die Regisseurin den Angriff Russlands auf ihr Heimatland. Im visuellen Briefwechsel mit ihrer Freundin in Kyjiw sucht sie nach einem Ausdruck für Ohnmacht und Erschütterung.
Aus der Ferne, während sie ihr Studium in Belgien absolviert, erlebt Daryna Mamaisur den Angriff Russlands auf ihr Heimatland Ukraine. Es wird wärmer, die Kastanienbäume blühen schon, hier in Brüssel wie dort in Kyjiw. Weil ihr die Worte fehlen, dreht sie einen Film, der diesen Frühling – in der Ferne, in der Nähe – festhält. Sie beginnt einen visuellen Briefwechsel mit Tanja in Kyjiw, die sich lieber über den Streit mit ihrem Partner oder den Gesang der Vögel unterhalten möchte, als vom Dröhnen der Bomben zu erzählen. Auch die Filmemacherin sucht nach einer Art zu sprechen, die ihrer Ohnmacht und Erschütterung angemessen ist. Sie nimmt Unterricht in Stimmbildung und verwebt die Aufnahmen der Vortrags- und Lautübungen mit den Beobachtungen, die sie und die Freundin austauschen. Sie lenkt unser Augenmerk auf die Zerbrechlichkeit des Alltagslebens – und die Erfahrung des Krieges, die jeden noch so banalen, gelösten Moment beschwert.
Seine Mutter hat Déni ein Stück Land in der tschetschenischen Siedlung in Georgien gekauft. Dort könnte er sich endlich ein Baumhaus bauen. Erwartet wird von ihm, dass er heiratet. Kann er hier ein neues Leben beginnen?
Im Pankisi-Tal, einer tschetschenischen Enklave im georgischen Teil des Kaukasus, wartet ein Stück Land auf Déni Oumar Pitsaev. Seine Mutter hat es ihm gekauft, in der Hoffnung, den in Westeuropa sozialisierten Sohn zurück zu seinen tschetschenischen Wurzeln zu bringen. Bei der Ankunft wird deutlich, dass das Geschenk an weitere Anforderungen geknüpft ist: Unentwegt fragen Verwandte und Bekannte aus der Nachbarschaft, wann denn der 40-Jährige mit dem bald schon schütteren Haar eine Familie zu gründen gedenkt. Setzt er ihnen seine eigene Vision entgegen – den Bau eines Baumhauses für Erwachsene, zehn Meter über dem Boden thronend, ein Traum aus Kindheitstagen –, katalysiert er komplexe Auseinandersetzungen. In ihnen geht es um das Verhältnis des Einzelnen zur Gesellschaft und welchen historischen Bedingungen es unterliegt: Die Region ist tief geprägt von den Auswirkungen der Tschetschenienkriege, die Wunden ziehen sich bis in die entfremdete Beziehung zum eigenen Vater. Dabei bleibt Pitsaevs Art der Konfrontation stets äußerst behutsam und gerät nie zum Angriff. Mit kundiger Neugier nähert er sich einer Welt, die ihm völlig fremd und Heimat zugleich ist.
Felix Mende
Credits
Regie
Déni Oumar Pitsaev
Kamera
Sylvain Verdet, Joachim Philippe
Schnitt
Laurent Sénéchal, Dounia Sichov
Produktion
Alexandra Mélot
Co-Produktion
Anne-Laure Guégan, Géraldine Sprimont
Ton
Marie Paulus, André Rigaut, Joseph Squire
Sound Design
Marie Paulus, André Rigaut, Joseph Squire, Hélène Clerc-Denizot, Emmanuel De Boissieu